Das Dirndl


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Das Dirndl

Kurzgeschichte

von

Cornelia Uta


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Jetzt guck halt net so neidisch. Ohne Brust sieht das sowieso nix aus, Du Hungerhaken. Gönn Dir mal was richtiges zum Essen.

Manchmal könnt ich aus der Haut fahren, aber wie? Ich bin in diesem blöden Dirndl gefangen. Wie lange noch? Auf Ewig? Fegefeuer im Dirndl, na Bravo.

Wie genau ich hier rein gekommen bin, weiß ich gar nicht genau. Zumal ich dieses Modell damals, bei meinem Sturz, gar nicht getragen hatte. Da hab ich schon lange nicht mehr reingepasst, Größe 36, ha, ein Wunschgedanke. Wenn Du mit Mitte-Ende 60 noch Größe 36 hast, siehst Du im Gesicht aus wie eine Backpflaume, Rosinengesicht. Der Rest des Körpers mutiert zu einem Plisseepanzer, net werklisch schee. Also besser ein paar Kilo mehr.

Wenn nicht viel los ist, hier am Touristenmuseum in Limone, grüble ich immer, wie das alles hat passieren können. Seit 4 Jahren bin ich hier, gefangen in einem super sexy Dirndl und ausgestellt in der Abteilung ,, deutsche Touristen ‚‘‘




Wie alles begann:

Ich bin 1953 in einem  Drecksnest in  Hessen geboren. Meine Eltern hatten nach dem Krieg die Ärmel aufgekrempelt und das Wirtschaftswunder gelebt.  Mein Vater war Angestellter bei einem aufstrebenden Familienbetrieb, die Möbel hergestellt haben. Damals gab es noch keinen Poco oder XXL, oder Segmüller, da wo das Möbel haust. Meine Mutter war, zum Ärger meines Vaters, auch halbtags arbeiten, in einem Kaufhaus. Ich hatte die Großeltern in der Nachbarschaft, die mich tagsüber betreut haben. Mein Opa war ein verrückter Kerl, mit immer neuem Blödsinn im Kopf. Meine Oma war eine echte Oma, immer in Kittelschürze. Am Herd, am Waschzuber, am Bügelbrett, im Gemüsegarten, mit rauhen, runzeligen Händen. Immer für die Familie im Einsatz. Nie gejammert. Während mein Opa die Nachbarinnen besucht und beglückt hat. Viele von denen waren Kriegswitwen und alleinstehend. Da gab es viel zu reparieren und Hand anzulegen.

Die Frauen in Deutschland hätten damals schon die Gelegenheit gehabt, sich zu emanzipieren. Die Trümmerfrauen hatten den Aufbau nach dem Bombenterror fast alleine gestemmt, die Männer waren entweder gefallen oder noch in Gefangenschaft, oder irgendwie kriegsversehrt . Aber die Gesellschaft  dachte noch in alten Schubladen.  „ ein Mann ist ein Mann, auch wenn er auf der Bettkante sitzt und hustet“. Was ein Quatsch. Der Herr im Haus hatte das Sagen, fasste Beschlüsse alleine, egal ob es um Anschaffungen ging oder die Ausbildung der Kinder. Viele Kinder wurden in Schulen oder Berufe gepresst, egal ob ihnen das lag. Papa hat’s beschlossen. Ferdisch. Mutti durfte nur abnicken und fleißig sein.



Frauen dürften noch nicht einmal einem Beruf nachgehen, ohne das Einverständnis des Ehemanns. Oder gar ein Konto eröffnen, nix da.

Adenauer war Kanzler, Ehrhardt war Wirtschaftsminister. Im Kabinett war Elisabeth Schwarzhaupt die erste und einzige Ministerin, Kinder, Familie und Gesundheit, was sonst. Deutschland war zerteilt, in Sektoren. Zum Glück waren wir im richtigen Teil des Landes.

Als Kind in den Nachkriegsjahren auf dem Land aufzuwachsen, hatte was. Viel frische Luft. Alle Leute kennen sich, oder sind miteinander verwandt. Die Großstadt ist weit weg mit ihrem Trubel und den neumodischen Sachen. Es fahren wenige Autos durchs Dorf. Wenn sich ein Fremder hierher verirrte, wusste bald jeder, wer das ist und was der hier will. Meist waren es Handlungsreisende, Vertreter, für Staubsauger, Versicherungen, Bekleidung, Haushaltswaren. Der Neckermannkatalog, oder der von Otto, brachten uns die Shoppingmeile ins Haus. Der Chef von Neckermann war auch noch Olympiareiter, immer chic mit Zylinder. Er sah seinem Pferd sehr ähnlich, das gleiche Gesicht.

Alles andere gab es im Dorf. Die Bauern lieferten die Lebensmittel. Milch, Eier und Kartoffeln holte man direkt beim Bauern, Gemüse auch, soweit man keinen eigenen Gemüsegarten hatte. Der Metzger schlachtete noch selbst und verwurschtete  alles. Der Bäcker backte das Brot in der Frühe. Für den Rest gab es einen kleinen Laden. Die hatten die Butter, Waschpulver, Nähzeug, Wolle, Hosengummis und Süßigkeiten. Mehr brauchten man nicht. Wir waren autark. 


Als ich eingeschult wurde, musste ich das warme Nest zu Hause verlassen. Als Einzelkind war ich immer der Mittelpunkt und behütet, ich musste mich keinen Geschwistern anpassen und konnte meine Großeltern herumschicken. Es gibt da ein Kinderlied : ,,diese Oma, die ist meine, kann ich hüpfen lassen wie und wo ich will‘‘. Genau das hab ich gemacht. Meine Oma war immer mit irgendwas zu essen oder einem Glas Milch hinter mir her. Das arme Kind ist zu dünn. In jede Speise wurde ein Extralöffel Butter reingeschummel. Das war der Grundstock für meine spätere Rubensfigur. Mein Opa ist auch nach meiner Pfeife gesprungen aber nicht so offensichtlich. Ihm habe ich mich freiwillig angepasst, um immer dabei zu sein, wenn er unterwegs war. Oft sind wir an einem Wasserhäuschen ( für Nichthessen, das ist ein Kiosk ) vorbeigekommen und Opa musste der Frau kurz was helfen ........Ich bekam die Wartezeit mit Ahoibrause und Butterfinger, oder einem Mickey Mouse Heft verkürzt. Die beiden haben schwer geschafft, innen im Wasserhäuschen, die haben immer viel gestöhnt und geächzt. Einmal hab ich das Oma erzählt, da hat die komisch geschaut. Danach sind wir da gar nicht mehr hingegangen. Keine Brause, keine Butterfinger mehr, schade.


In Opas Krautgarten war es auch immer schön. Er werkelt rum und ich kann machen was ich will. Blumen pflücken, Beeren direkt vom Stauch essen, ohne sie vorher zu waschen. Wenn Mama das wüsste. Wir sind immer mit einem Leiterwagen in den Garten. Opa war mein Kutschpferd und ich die Prinzessin in der Kutsche. 

Oma hat die Ausbeute aus dem Garten später dann verarbeitet. Hunderte von Einmachgläsern und Marmeladegläsern stehen im Keller, ordentlich aufgereiht und beschriftet. Die Kirschen und Pflaumen waren meine Favoriten, diese Gemüsegläser eher weniger. Aber, keine Chance, das war gesund und Oma hat meistens eine dicke Sauce dazu gezaubert, dann war das Gemüse auch genießbar. Zum Nachtisch gab es dann lecker Pudding mit Obst. In der damaligen Zeit gab es noch keine Kalorien, die wurden erst später erfunden.

Opa hat dann abends meine Hausaufgaben schnell gemacht, weil ich zu müde war. Meine Lehrerin hat das irgendwann mal bemerkt und in mein Heft geschrieben , ich solle meinem Großvater ausrichten, er soll ab und zu mal nachrechnen oder im Duden nachschlagen. Opa hat nur gelacht. Mama war entsetzt. 

Die anderen Kinder waren neidisch auf meinen Opa. Der war im Krieg verwundet worden und bekam schon früh eine Rente, deshalb musste er nicht mehr arbeiten und hatte Zeit für mich. Mit kleinen Gelegenheitsarbeiten besserte er die Haushaltskasse auf.

Im Herbst brannte er mit seinem Spezi Schnaps, von gesammeltem Fallobst. Das war immer aufregend, weil es verboten war, Schwarzbrenner.

In einem Kellergewölbe hatten die beiden diese aufregenden, blubbernden Geräte. Kupferkessel, spiralförmige Leitungen und Ballonflaschen. Außerdem unzählige Kübel, in denen das Obst erst mal vor sich hin faulte. Ekelhaft. Man redete von Maische. Das war alles sehr geheim, wie bei Hexen. Keiner dürfte zugucken. Ich erinnere mich gut an den Tag, als was schief lief. Die beiden standen den ganzen Tag im Keller in diesem Alkoholdunst, da waren sie immer ein bisschen torkelisch. Aber an diesem Tag haben sie auch noch das Ergebniss getestet, sprich, frisch durchgelaufenen Schnaps getrunken. Sie krochen auf allen vieren aus dem Keller und kippten ständig um. Außerdem könnten sie nichts mehr sehen. Unser Dorfarzt diagnostizierte eine ordentliche Alkoholvergiftung. Opa war tagelang krank. Oma hat die Gerätschaften konfisziert und beschlossen, 

dass ab jetzt kein Schnaps mehr gebrannt wird. Einige Dorfbewohner waren jetzt sehr traurig.

Durch den Zusatzverdienst meiner Mutter konnten wir uns schon Anfang der 60er Jahre einen Urlaub in Italien leisten. Papa wollte in die Berge, oder schöne alte Städte besuchen, Kunst und Kultur. 

Mutter wollte ans Meer, tagsüber in der Sonne brutzeln, romantische Sonnenuntergänge, abends exotisch essen und dann Musik und Tanz.

So haben sie sich auf den Gardasee geeinigt, da gibt es alles, Berge, Wasser, Kultur. la Dolche Vita .

Wer schon mal am Gardasee war, hat bestimmt schon mal dieses Gefühl gehabt, „ich bin im Land der Zitronenblüte angekommen“.

Wenn man am oberen Teil des Sees aus den Bergen kommt und hat den gesamten See in voller Länge zu Füßen liegen. Kitschig ist der Ausblick, zwischen einigen Zypressen blinzelt der See heraus und verspricht mediterranes Leben.

1960 war das wie eine Mondlandung. Du hast diese Dinge nur beim Friseur in bunten Zeitschriften bestaunt. Palmen, Kakteen, eigenartige Gebäude, Uferpromenaden, Eisdielen, fremde Gerüche aus den Gaststätten, exotisches Obst und Gemüse. Damals gab es keine Reiseberichte im Fernsehen, wo man sich auf fremde Länder und Leute einstellen könnte.Papa hat wochenlang Reiseführer studiert und Landkarten mit dem Zirkel durchlöchert. 


Da unsere Urlaubskasse messerscharf kalkuliert war, wohnten wir auf einem Campingplatz. Das war eine deutsche Kolonie. Deutsche VW Käfer und Opel Rekord parkten unter schilfgedeckten Pergolas ( Pergolen??)  Die Zelte standen, zumindest in den ersten Jahren, wild aufgestellt, auf dem knochenharten Kiesboden, direkt am See. Eine echte Herausforderung für einen Schreibtischtäter, wie meinen Vater. Zwei zarte, linke Hände und keine Ahnung von Technik. Ein Möbelstück entwerfen, zeichnen und dann vom Schreiner bauen lassen, war etwas anderes, als mit den Tücken eines Zeltes mit seinen zusammensteckbaren Stangen, die im richtigen Moment dann auseinanderfielen. Das ganze bei leichtem Wind. Im Nachhinein weiß ich, warum wir den Krieg verloren haben. Mein Vater war im Krieg bei den Pionieren, na Bravo.

Mit dem Charme meiner Mutter hatten wir dann sofort Kontakt zu unseren Nachbarn, die nur darauf gelauert hatten, dass ein Greenhorn auftaucht, sich voll blamiert und dann geholfen wird. Später haben wir dann auch an den typischen An-und Abreisetagen auf die Neuen gewartet und uns schepp gelacht. Lässig im Campingstuhl, mit einem deutschen Bier in der Hand, also die Männer.  Das schweißt in der Fremde zusammen. Es gab auch ein paar Österreicher, die wir misstrauisch beäugt haben. Wer kümmert sich denn jetzt um die Kühe auf der Alm? Und die deutschen Touristen in Österreich? Das Weltbild war damals ein anderes. Wir glaubten alle Österreicher haben einen Kuhstall, eine Alm oder eine Pension. Das die auch Ärzte, Ingenieure. Geschäftsleute haben, könnten wir uns nicht vorstellen. Wir hatten die Vorstellung, dieses Land hinkt noch hinter der Entwicklung her. Ein beliebter Witz war : ,, was tust Du, wenn morgen die Welt untergeht? Einer will noch mal wilden Sex, einer sich betrinken, einer einen Porsche fahren. Der clevere geht nach Österreich, denn die sind immer ein paar Jahre hintendran‘‘ . Hahahaha

Was uns Deutsche und die Österreicher verband, war der Fable für die typische Bekleidung. Die Buben trugen kurze Lederhosen und die Mädchen Dirndl. Das war praktisch, vor allem für die Mütter von Jungs, eine Hose für den gesamten Urlaub. Ach was den ganzen Sommer.  Ferdisch. Bei den Dirndln brauchte man, mit etwas Glück,  nur die Schürze mal waschen. 

In der damaligen Zeit tat man sich schwer mit neuen Dingen. Angefangen beim Essen. Es gab so gut wie keine Kartoffeln in Italien. Papa ist fast verzweifelt. Reis. Bei uns eine Art Diätessen, zum Entwässern und Abnehmen, damals ! Nudeln, die so lang waren, dass man sie nicht auf die Gabel bekam. Pizza, haha,  -Kuchen, der nach Tomaten schmeckte. Nun, das war Abenteuer. Exotisch.

In den lebhaften Gassen der kleinen Orte am See war das pralle Leben. Lautstarke Märkte, wo Schwein am Spieß gebrutzelt wurde. Leider ohne Kraut, Knödel und Sauce. Auch wurde exotisches Gemüse angeboten. Das haben wir lieber mal nicht probiert, dunkelviolette, glänzende Eierpflanzen. grüner Blumenkohl. Die Wurst und der Schinken hängen an den Stangen der kleinen Marktständen und trocknen und schimmeln vor sich hin, unglaublich.

Melone hat uns überzeugt, etwas anstrengend mit den vielen Kernen und dem Saft, aber auf dem Campingplatz, in Badehosen, geht das. Kerne in die Gegend gespuckt, nach dem Essen komplett in den See getaucht und den klebrigen Saft abgespült.


Tja, und das Brot. Es gibt kein gutes Brot in Italien. Nur weißes, geschmackloses Zeug, mit viel zu großen Löchern.

Die Profis und die, die vorher wen gefragt hatten, haben Sauerkraut, Würstchen, Linsensuppe, Erbsensuppe, Kartoffelsuppe, Kohlrouladen, Gulasch, alles in Konserven, dabei. Und Lieken Urkorn, Schnittbrot. Damit war die erste Woche gesichert.

Wir hatten niemand gefragt und mussten Wochen lang die schlechte Laune von Papa ertragen.

Ich bin mit meinem Dirndl auf dem Campingplatz herumgelaufen und wurde sofort als Deutsche erkannt. Man hat mich dann auf ein paar Frikadellen oder Gulasch mit Nudeln, die vor dem Kochen mundgerecht zerbrochen wurden, eingeladen.

Unser Tagesablauf war geregelt, wie zu Hause.

Aufstehen, zum Wasch-und Toilettenhäuschen gehen, Frühstück machen, frühstücken, danach abwaschen. Zelt aufräumen.  Dann war Urlaub. Bis zum Mittagessen. Außer wir sind in eine andere Stadt gefahren.

Papa will jeden Tag in eine andere Stadt, einen Dom, einen Platz etc zu erkunden und Fotos machen. Meistens müssen wir mit. In der ungewohnten Gluthitze im Käfer ohne Klimaanlage. Ich sitze ständig in einer Schweisspfütze. Mein Dirndl hat dunkle Stellen unter den Achseln. Dankbar wenn es in ein Museum geht, die haben oft einen kühlen Gewölbekeller. Aufgrund des guten Essens, wir essen ständig Pizza oder Nudeln und Italienisches Eis, ist Mutti dann in Verona aus den Nähten geplatzt. Der Reißverschluss ihres Dirndls hat aufgegeben, irreparabel . Sie kaufte sich ein neues Kleid. Bunt, mit tiefem Rückenausschnitt und sehr weitem Glockenrock.  Ein Traum. Ich beschließe ab sofort jetzt mehr zu essen. Ich will auch so ein Kleid. Es hat aber nix geholfen, auf der Heimfahrt durch Österreich hab ich dann ein neues Dirndl bekommen, zwei Nummern größer, da kann ich übers Jahr reinwachsen. So ein Mist.

Venedig war auch sehr interessant, keine Straßen nur Kanäle, die in der Sommerhitze üblen Geruch ausströmten. Und erst der Fischmarkt. Es gibt Meeresgetier, das sehr fremd daherkommt. Ich hatte vorher noch nie einen Tintenfisch gesehen. Rosa bis braun, mit großen Noppen, langen schlangenartigen Armen, ekelhaft. Das essen diese Menschen. Oder das ganze Viehzeug mit langen Beinchen und Gartenscheren als Greifer. Krebse und Langusten heißen die. Außerdem Muscheln und Meeresschnecken. Schön anzusehen, oder als Halskette, aber essen, neeeee.

Der Rest von Venedig war sehr schön. Gondoliere, die ständig singen und ihre Bootchen durch die Stadt, die Kanäle, staken. Größere Boote, die unsere Straßenbahnen ersetzen und uns von A nach B bringen. Auch nach Murano. Da wird Glas gemacht, geblasen, bunt und filigran. Ich bekomme einen Schwan gekauft, der leider schon bald den Hals verliert. Kein Kinderspielzeug. Unpraktisch.

Auf dem Marcusplatz sind tausende Tauben, die man füttern oder jagen kann. Manche sind mutig und fressen aus der Hand. Findige Venetianer verkaufen Taubenfutter und ich glaube, diese mutigen Tauben, die aus der Hand fressen, können gar nicht mehr fliegen. Die sind zu fett um abzuheben. Ein italienischer Kaffee auf diesem Platz ist fast unbezahlbar. Man muss die Aussicht und das Flair mitbezahlen, sagt Papa.

Dieser erste Urlaub in Italien ging dann auch mal zu Ende. Zu Hause hat die Oma uns mit deutschem Essen empfangen. Für Papa war die Welt wieder in Ordnung. Für mich auch, ich musste keine alten Palazzi mehr anschauen, oder eine andere Trümmertour machen.

In den folgenden Jahren hat sich an unserem Urlaubsverhalten nicht viel geändert. Die Anreise war einfacher, da 1963 der Brennerpass eröffnet wurde, die berühmte Europabrücke. Mir war nicht mehr schlecht von den viele Serpentinen. Wir hatten meistens eine Übernachtung in Österreich, hin und zurück. Salzburg war schön, mit den Kutschen, die durch die Stadt klappern. Ein hochherrschaftliches Gefühl. Ich durfte beim Kutscher vorne sitzen, der roch sehr stark nach Schnaps, gut, dass die Pferde den Weg kannten.

Wir hatten nun ein größeres Auto, ein größeres Zelt und viele Konserven dabei. Papa ist weiterhin auf Besichtigungstour. Mutti und ich haben uns geweigert, das hatten wir alles schon gesehen. Keine alten Steine mehr, bitte.  Aber Papa hat dann immer wieder Leute, Damen, gefunden, die er mit seinem Kunstwissen beeindrucken konnte. Mutti hat in dieser Zeit die Kultur der einheimischen Bevölkerung studiert, vorzugsweise der jungen Männer . Sie hat sogar einen Sprachkurs gemacht und konnte schimpfen wir ein echter italienischer Busfahrer.

Ich hatte mich mit einigen Kindern aus der Zeltnachbarschaft angefreundet und wir haben an der Eisdiele rumgestanden, waren schwimmen oder haben Gummitwist gespielt. Oder irgendwas mit Buben gegen Mädchen. Es waren aber keine italienischen Kinder dabei. Keine Ahnung wo die waren, jedenfalls nicht auf dem Campingplatz in der deutschen Enklave.

Italien und die Italiener blieben uns fremd. Nur gucken, nicht anfassen oder essen, was man nicht kennt. Kann auch sein, dass viele schon in Deutschland waren, als Gastarbeiter. Souvenirs beschränkten sich auf glitzernde Gondeln oder diese lustigen Korbflaschen mit dem ungenießbaren Wein. Chianti. Zu Hause im Partykeller immer ein Vorzeigeobjekt und die Flaschen mit Kerzen zu großen Skulpturen wachsen lassen.

Es war jedes Jahr das gleiche, nur hatte ich immer ein neues Dirndl an. Ich hätte auch gerne mal so schicke Shorts, oder einen Rock mit Petticoat getragen, Papa hat’s nicht erlaubt. Dieser Amikram kommt nicht ins Haus und diese Musik auch nicht. Wir hörten auch zu Hause keine moderne Musik. Entweder Klassik oder Volksmusik. Papas Kommentar dazu: brauchen wir nicht. Egal ob neue Mode, Musik, eben modernes. Wäre er Leiter der Evolution gewesen, wir wären heute noch Einzeller. ,, eine zweite Zelle?  Nee brauchen wir nicht, ging doch gut bis jetzt. ( diesen Satz hatte ich von Dieter Nuhr abgeschrieben)

Elvis oder die neuen britischen Bands mussten wir hören wenn der Vater auf Exkursion war. Sogar deutsche moderne Musik lehnte er ab. Peter Kraus, Bibi Johnes. Am schlimmsten war es, die italienischen Lieder nicht hören zu dürfen, Catharina Valente, Silvio Francesco, Adriano Celentano, Rita Pavone : zwei kleine Italiener......... Ne, Rudolf Schock oder Maria Callas, die Kreissäge, mussten es sein.

Ich wechselte die Schule, Mitte der 60 er,  ab der 5. Klasse ging ich in die Realschule. Die war im Nachbarort und ich musste mit dem Fahrrad dorthin. Bei Wind und Wetter. Auch war dort alles anders. Neue Mitschüler, neue Lehrer, neues zu lernen, neue Fächer, Fremdsprachen, Mathe statt Rechnen. Biologie, Chemie, Physik. Eigentlich hatte Papa recht, brauchen wir nicht.

Ich war jetzt Schlüsselkind. Die neue Schule erweiterte meinen Horizont. Ich stellte fest, dass es Mode gab und die Mädchenbekleidung nicht nur aus Dirndln bestand. Das Leben öffnete mir neue Wege.

Es gab nun , auch für mich, die Beatles, die Stones, Elvis und die Bravo. Die musste ich heimlich lesen. Meine Schulfreundinnen hatten diese Superstars in Lebensgrösse in ihren Zimmern aufgehängt. Ich war soooo neidisch. 

1963 wurde John F. Kennedy ermordet. Skandal. Erst die Kubakrise gemeistert, eine Vorzeigefamilie . Später sind dann die Hüllen gefallen, der hatte Verbindung zur Mafia, Frank Sinatra und ein paar Verhältnisse, auch mit Marilyn Monroe. Dass wir damals soooo knapp an einem Atomkrieg vorbeigeschrabbt sind haben wir gar nicht so geschnallt. Jeder war mit der neuen Zukunft beschäftigt. Schaffe, schaffe, Häusle baue.  Der Krieg in Asien war weit, weit weg

 In Berlin wurde später sogar eine Mauer quer durch die Stadt gebaut. Diese Leute dort konnten jetzt nirgends mehr  hin. Das Land war eingekastelt . Keiner raus und nur mit Erlaubnis rein. Diese armen Leute. Oma hat zu Weihnachten immer Päckchen nach drüben geschickt. Kaffee, Schokolade, Nylonstrümpfe. Dafür bekam sie regelmäßig Räuchermännchen aus dem Erzgebirrge. Viele waren das.

Ludwig Erhard war Kanzler, der alte Masshalter. Die ersten Selbsbedienungsgeschäfte eröffneten, Latscha, Schade. Unglaubliche Errungenschaften.

1964 ist mein Opa gestorben und 1965 meine Oma.

Auch meine Eltern gingen neue Wege. Mein Vater hatte eine Assistentin, die ihm auch bereitwillig im privaten Bereich assistierte, keine Wiederworte gab und alles abnickte.

Meine Mutter war sehr gekränkt, hat sich aber bald entschlossen ihr Leben ab nun selbst zu gestalten. Scheidung, Neuer Job, neue Wohnung, neue Freunde. Es waren die 68er und sie war noch jung. Mir war das alles zu neu. Ich war 15 und in der Pubertät. Ich dockte mich an eine meine Tante an, die seit ewigen Zeiten verheiratet war, aber kinderlos. Diese beiden lieben Menschen hatten ein solides Leben, nicht so ein Sodom und Gomorrah wie meine Eltern. Die fuhren jetzt auch immer an den Gardasee, aber in eine kleine Pension mit Familienanschluss. Sie waren ein liebes Pärchen, gingen auch liebevoll miteinander um. Ob es an der Anpassungsfähigkeit meiner Tante lag, oder die beiden waren so friedlich gestrickt. Sie hatten beide im Krieg ihre Partner verloren, vielleicht waren sie daher für die Partnerschaft mit dem anderen so dankbar. Krieg hatten die genug erlebt. Mein Onkel war in Gefangenschaft auch in Italien und es muss die Hölle gewesen sein. Aber er hat den Leuten verziehen, es waren andere Zeiten gewesen und Mussolini war weg, hoffentlich mit Hitler in der Hölle.

Während mein Vater nun mit seiner Neuen weiterhin Altes besuchte, Rom, Florenz, Sizilien, Neapel, später dann andere antike Plätze am Mittelmeer, folge meine Mutter dem Ruf der Freiheit und sie verbrachte die Urlaube in FKK Siedlungen. Immer und überall nackt.  Jugoslawien war da angesagt. Da gab es eine Insel, nur für Nackte. Sie betrachtete jetzt schöne echte, nackte Körper, keinen kalten Marmor von Rafael, Michelangelo oder Botticelli.

Die Amis sind 1969 auf dem Mond gelandet. Die Russen vor Neid grün angelaufen. Damals wurde der Grundstein zur finanziellen Vernichtung der UDSSR gelegt. Die Russen haben seit der Kubakriese alles Geld in die Rüstung und Raumfahrt gesteckt. Gesichtsverlust war nicht zu akzeptieren. Die haben in der Schweinebucht zwar gewonnen, aber sich dann total verausgabt. Mir war das Wurscht. Ich war Teenager und an allem, außer Politik, interessiert. Meine Schulkameraden sind ständig zu Demos gelaufen. Es gab deshalb immer Ärger in der Schule. Mir war das fremd. Wir haben doch eine gute Regierung, die machen das schon richtig.

Ich fuhr im Sommer weiterhin mit Onkel Fritz und Tante Hilde an den Gardasee. Da kannte ich mich aus. Die Pension war zwar nicht da, wo unser Campingplatz war, aber egal, dahaaam is dahaaam . Der See hat viele Ufer.

Die Wirtsleute waren einfache Italiener, die im Sommer zwei Zimmer vermieteten. Die beiden Söhne waren aus dem Haus und arbeiteten als Gastarbeiter in Deutschland.

Hier in Italien trug ich freiwillig mein Dirndl, da unterschied mich von den anderen, die jede Mode mitmachten. Meine Figur begann nun auch, sich in ein Dirndl zu formen. Ich hatte das erste Dirndl mit Mieder und Dirndlbluse. Tante Hilde kaufte mir auf dem Markt einen richtig schicken BH und die kleine Pracht wurde noch etwas hervorgehoben. Das bemerkten auch die anderen Jugendlichen. Die Mädchen waren neidisch und die Jungs schleckten sich über die Augenbrauen. Da beschloss ich, ,,immer nur Dirndl‘‘. Auch den italienischen Jungs fiel das auf. An der Eisdiele war ich immer umschwärmt, zum Ärger der Mädels in Miniröcken und Twiggilook. Aber ich war noch zu scheu zum Flirten.

Zu Hause in Deutschland konnte ich das nicht tragen. Gerade auf dem Land muss Du jede Mode  mitmachen, die Frauenzeitschriften mit Frauennamen vorschreiben. Auch die Modefarben müssen eingehalten werden. Wenn Du das nicht machst, merkt sofort jeder, dass Du vom Land bist. Für mich war das nicht einfach. Erstens hatte ich nicht so viel Geld um mir ständig neue Kleidung zu kaufen und zweitens hatte ich dann mit 17 eine echte Rubensfigur. Mit diesen Babyspeckpolstern kannst Du keine knallengen Cordjeans und Hotpants tragen. Selbst diese indischen Flatterhemdchen sehen aus wie Beduinenzelte, wenn ein Körbchen Größe C -D drunter versteckt ist. Ich freute mich immer auf den Sommer und die drei Wochen am Gardasee, meine ganze Üppigkeit in einem Dirndl verpackt. Mein braungebranntes Dekolleté am Abend durch die Gassen wabern lassen und den einen oder anderen sabbernden Blick zu erhaschen.

Ich begann im Urlaub nun auch mit Jungs zu reden, habe ihre Witze oder Andeutungen damals gar nicht verstanden und fand sie daher schlichtweg doof. So in der Fremde kommst Du schneller mit anderen in Kontakt. Du hast was zu fragen. Woher kommst Du, wie oft warst Du schon hier, blablabla. Zu Hause ist das irgendwie schwieriger.

Wenn ich zu Hause mit Schulfreundinnen auf die Kerb, Kirmes, ging, lungerten wir immer am  Autoscooter rum und blicken kokett herum. Oft hat sich dann ein Junge getraut und gefragt, ob man eine Runde zusammen im Skooter drehen wollte.  Eng aneinandergedrückt in den kleinen Sitzen. Meist legte der Junge dann Besitzergreifung den Arm um die Schulter des Mädchens. Bei dem Gerempelt hat er einen dann beschützend an sich gedrückt. Das war der erste Kontakt. Später, wenn man sich traute, hat man gemeinsam irgendwas Süßes gegessen. Das eine oder andere Pärchen ist dann im Schutz der Wohnwagen zu Schritt 2 übergegangen. Knutschen und zaghaft anfassen. Manche von meinen Schulkameradinnen war da schon weiter als ich und die haben Gras geraucht, Alkohol getrunken. Ich hatte nicht die Traute. Mein Vater und Tante und Onkel haben mich davor gewarnt. Da wirst du hinter die Hecken gezerrt und dann passiert es, du bist willenlos und dann schwanger. Also habe ich dieses Abenteuer mal gelassen. Schwanger, ungewollt, auf dem Dorf, geht nicht. Was sollen die Leute sagen. Meine Mutter sah das anders und wollte mit mir zum Frauenarzt, die Pille verschreiben lassen. Ich wollte das nicht, wozu? Wäre mir auch peinlich gewesen, nackt vor einem fremden Mann und dann noch den Intimbereich herzeigen, neeee.

Die Notstandsgesetze wurden verabschiedet, was immer das auch bedeutet, war aber in aller Munde. Dann war da noch die RAF. Die haben Kaufhäuser angezündet, Politiker erschossen und Flugzeuge entführt. Was für ein Irrsinn.

Dafür wurden aber Frauen selbstständiger und selbstsicherer. Erst 1969 dürfte eine verheiratete Frau ein eigenes Bankkonto haben. Hurra, es geht voran, vielen Dank auch.

Die Studentenbewegung in den Universitätsstädten war auch sehr aktiv. Es wurde randaliert, Häuser besetzt und BH s verbrannt. Dann noch der § 218, Abtreibung und der § 175 Homosexualität. Ständig wurde irgendwo demonstriert. Die Polizei fuhr mit Wasserwerfern dagegen an. Ich sah das nur im Fernsehen, ich würde da nie mitmachen.

Anfang der 70er verließ ich die Schule und begann eine Lehre in einem Kaufhaus. Einzelhandelskaufmann. Die Arbeit machte mir Spaß, nachdem ich einige Abteilungen durchwandert hatte und bei den Spielwaren und Geschenkartikeln hängen blieb. Da musste ich nicht die neueste Mode tragen und zu Fasching konnte ich mein Dirndl anziehen. Ein paar Herzchen auf die Wangen gemalt und ich war glücklich. Ich hatte plötzlich eigenes Geld. Ich wohnte noch bei Mutti, aber die war fast nie zu Hause. Sie war auf einem Selbstfindungstrip. In Griechenland und später in Indien. Eigentlich sollte ich immer mit ihr in Urlaub fahren, aber die Leute mit denen sie zusammen war, waren mir zu fremd. Alles wurde durchdiskutiert, auch ich. Die wollten mich befreien, von den alten Zöpfen. Ich wollte, dass alles so bleibt wie es war. Keine Experimente.

Fasching hab ich dann auch meinen Wolfgang kennengelernt. Ich war 18 und er 22. Auf einem Lumpenball in einem Nachbarort. Da war so eine Sektbar. Nach einigen Tänzchen schleppte mich mein Wolfgang in besagte Bar. Nach einigen Gläschen Sekt ließ ich mich in einer dunklen Ecke nach allen Regeln abgrabschen. Ich fand das richtig gut, endlich mal einer, der sich traute, was auch immer. 

Wir trafen uns danach öfter und auf dem Rücksitz seines K70 verlor ich meine Unschuld. Jetzt musste ich doch mal zum Arzt und mir die Pille verschreiben lassen. Ich wählte einen Arzt in Frankfurt, weit genug weg von unserem Dorf, dass mich keiner sieht.

Wolfgang war aus dem Hintertaunus. Als wir beschlossen zusammen zu ziehen, musste ich den Führerschein machen, denn aus diesem vergessenen Bergdorf, kommst Du ohne Auto nicht raus. Arbeit gibt es dort erst recht nicht. Nun verbrachte ich täglich, je morgens und abends, 1 Stunde in der Blechlavine. Zusammen könnten wir nicht fahren, da wir völlig unterschiedliche Arbeitszeiten hatten. 


Der Vietnamkrieg ist endlich zu Ende. Endlich Schluss mit diesen grauenhaften Bildern, von dürren gejagten Menschen, Bomben und Feuer.

Mitte der 70er heirateten wir und erwarben ein Baugrundstück. Mit Hilfe seiner buckligen Verwandschaft hat mein Mann dann ein Haus gebaut. Das ist auf dem platten Land so, man hilft sich. Mit dem Ergebnis, dass man die nächsten 5 Jahre an den Wochenenden beim Bau diverser anderer Häuser eingeplant wird. Die Frauen übernehmen das Catering, Kartoffelsalat, Sauerrkraut, Worschtplatten, Linsesupp mit Rindswörscht, Lebberkäsbrötchen, Bratwurst.

Für mich war das schwierig, zu organisieren, da ich berufstätig war und das auch Samstags. Da habe ich die Pizza für mich entdeckt. Alle waren immer ganz heiß auf meine Pizza. Konnte alles gut vorbereitet werden und war der exotische Knaller. Natürlich an deutsche Geschmäcker angepasst. Zum Teil sogar mit Ananas, oder Hackfleischsauce obendrauf. Auf keinen Fall Anchovis oder so exotisches Zeug.

Und so konnte ich einige von denen für den Gardasee begeistern.die meisten waren noch nie im Urlaub, oder gar im Ausland gewesen. Im Sommer 1980  fuhren wir mit 8 Personen, 4 Pärchen an meinen Gardasee. Alle in todschicken, hochmodischen Klamotten, ich im Dirndl.

Da wir alle.finanziell Klamm waren, wählten wir wieder den Campingplatz. Zurück zu den Anfängen. 



Der Schock:  Der Platz war jetzt parzelliert, nix mit wild Zelt aufstellen. Ich hatte das alte Zelt meiner Eltern vom Dachboden geholt. Ich dachte das ist jetzt der Knaller. In den vergangenen 15 Jahren ist die Weiterentwicklung auch am Campingdesign nicht vorbeigegangen. Unser Zelt war tatsächlich DIE Sensation. Habt ihr das Ding aus dem Museum? Das war noch freundlich. Früher war ich immer in den Sommerferien hier. Da wir alle noch keine Kinder hatten, waren wir nun schon im Juni hier. Glückwunsch, Regenzeit. Unser Superzelt ist nicht mehr wirklich Regen geeignet. Mein Wolfgang war stinksauer,  alle hatten schicke Zelte, leicht aufzubauen und wasserdicht. Wir nicht, super Honeymoon. Aber dank unseres Doppelverdienstes, können wir uns einen dieser Wohnwagen, die der Campingplatzvermieter anbietet, leisten. Das ist toll. Nicht mehr im geduckten Zeltgang leben. Es ist nix so schlecht, dass es nicht für irgendwas gut ist. Sogar eine  Chemietoilette ist drin. Kein Ahnung wo der  Campingplatzbesitzer das entsorgt, war mir auch egal. Die Wohnwagen stehen in einem anderen Teil des Campingplatzes. Abgehoben vom Fußvolk in den Zelten und Schlafsäcken. Das hat meinem Wolfgang wieder gefallen. Honeymoon gerettet. Unsere unmittelbaren Nachbarn sind überwiegend Holländer, die mit eigenen Wohnwagen hier sind. Wolfgang ist not amused , aus fussballtechnischen Gründen, keine Ahnung. Ich bin fasziniert von denen. Die haben alles dabei, vom Grill bis zum Haartrockner, Bügelbrett und Bügeleisen, Waffeleisen für die leckeren Waffeln, alles, alles. und die sind hier noch nicht am Ziel. Die wollen weiter,  ans Meer. Warum auch immer, Wasser ist Wasser . Hier gibt es keine Quallen. Nicht dass ich schon mal eine gesehen hätte, aber das ist immer die erste Frage, wenn einer am Meer war. In Venedig roch das Meerwasser außerdem nicht so lecker. Das kann dann auf der Insel daneben, Jesolo, auch nicht besser sein.

Fahrendes Volk. Ich dachte immer die müssten schwarzhaarig sein. Unsere holländischen Nachbarn sind blond, drall, laut, bunt, trinkfest. 

An die Italiener hab ich mich gewöhnt. Die arbeiten tagsüber nicht während der Mittagszeit. So ein faules Volk. Erst am Abend werden die munter, wenn unsereins müdgeschafft ist. Abends ist der Teufel los in den Gassen. Sogar die Kinder dürfen bis 10 oder 12 noch in den Straßen und auf den Plätzen spielen. Kein Wunder dass aus denen nix wird. Die kriegen nix auf die Reihe, deshalb arbeiten die auch in Deutschland als Gastarbeiter. Da lernen die dann mal was Ordnung ist und Pünktlichkeit. 

Unsere holländischen Nachbarn haben sich gut an die angepasst und feiern auch jede Nacht, laut und ausdauernd. Wir gehen abends mit unseren Freunden im campingplatzeigenen Restaurant,, da Angelo“ ein lecker Schnitzel essen, mit Pommes, die haben auch die Holländer hier eingeführt. Später hocken wir vor den Zelten und trinken Bindingbier und die Mädels Asti Spumante. La dolce vita Vivat italia. Ab und zu gehen wir auch zu einem Seefest, jeder Ort bietet das, abwechselnd. Musik und Tanz, Wolfgang mag die italienischen Männer nicht, die offen mit mir flirten. Soll er sich doch mal ein bisschen Mühe geben, mit mir tanzen und nicht nur Fußball und Biergespräche führen. 



Die Italiener reden ständig von amore , sind galant, meistens schlank und gut gebaut. Singen ständig und rollen die dunklen Augen. Der Bier/Pasta-Bauch wächst erst im reiferen Alter, nicht wie bei unseren Männern, die schon kurz nach der Heirat aus dem Tarzankostüm in ein Bärenkostüm wechseln.

Urlaub ist rum und zurück im Arbeitsleben. Ich lese zufällig eine Anzeige. Bei uns um die Ecke macht ein Jäger-und Trachtengeschäft auf. Die suchen eine kompetente Bedienung. OK Jägerzeug kenn ich nicht, außer Papa-Schürzenjäger, der hat schon mal wieder eine neue Assistentin. Er wird älter, die Frauen an seiner Seite nicht, wechseln nur die Haarfarbe.

Ich schreibe eine Bewerbung und bringe sie persönlich in den Laden. Natürlich im Dirndl. Der Chef, ein Mittfünfziger, ist begeistert. Entweder kann er nicht lesen, oder ganz, ganz schnell. Er wirft einen kurzen Blick in die Bewerbung und dann in mein Dekolleté, dann bin ich eingestellt, mit unfassbar gutem Gehalt.

Ich habe zwar noch Kündigungszeit, helfe aber am Abend und in meiner Freizeit, gerne beim Einräumen im neuen Laden. Da weiß ich dann auch wo alles ist. Der Chef zeigt und erklärt mir alles. Später soll ich auch mit auf den Schießstand, um die Waffen kennenzulernen. Ein neues aufregendes Leben bahnt sich an. 

Ich muss jetzt nicht mehr stundenlang im Stau stehen, deshalb habe ich auch meine Arbeitszeit von Teilzeit auf Vollzeit angehoben. Wolfgang ist  ist not amused . Er sollte jetzt mehr im Haushalt helfen. Das trifft seine Chauvinistenseele tief. Ich verdiene jetzt mehr und er soll im Haushalt helfen. Nix da, mein Problem. Zum Glück hat die Putzfrau aus dem Laden noch Termine frei. Für kleines Geld hält sie unser Häuschen sauber. Das ganze Dorf ist entrüstet. Eine fremde Frau alleine in unserer Privatsphäre. Auch noch ne Jugo. Die klauen doch, wie die Raben. Ich setze mich darüber hinweg, mit dem Argument, dass ich mir eben ne Putze leisten kann. Und ferdisch.

Im Laden habe ich es überwiegend mit Männern zu tun und meine patriarchare Erziehung hilft mir, mit diesen Chauvies zurecht zu kommen. Immer von unter herauf, bewundernd anhimmeln. Die kaufen bei mir jeden Mist. Mein Chef ist begeistert. Seine Frau, es ist die zweite, die für die Buchhaltung zuständig ist, hat mich auch ins Herz geschlossen. Sie ist um die 40, also grob zwischen dem Chef und mir und sie ist aus Serbien. Der Chef hat sie auf einem Jagdausflug in ihrer Heimat kennengelernt. Da war sie seine Jagdbegleiterin, so ne Art Assistentin, kommt mir bekannt vor. Sie kann auch jagen und schießen und saufen, sieht aber aus, wie ein Model. Ein üppiges Model.

Sie nimmt mich mit auf eine Messe für Landhausstyle. Ich bin gespannt. Zu meiner Freude ist es eine Trachtenmesse, juchuuuh. Dirndl so weit das Auge reicht. Wir probieren den ganzen Tag Dirndl, Landhausröcke und Kleider an. Täschen, Hütchen, Tücher, Schuhe, Schmuck. Dann bestellen wir auch jede Menge für den Laden.

Der Chef ist not amused. Einen Haufen Geld für diese Lappen ausgeben, unglaublich. Die Chefin muss einiges aushalten. Aber wider allen Bedenken, verkaufen sich diese Kleider sehr gut. Wir sind DER Trachtenladen im Taunus. Wer hier sein Dirndl kauft kann sich was leisten. Klamotten sind Statements. Wir lagen voll im Trend, es gibt jetzt sogar Zeitschriften für Landhausstyle. Wer was auf sich hält hat eine Landhausküchen, Landhausschränke, Landhausbetten, geblümte Sofas und Gardinen , das passende Porzellan aus dem Salzburger Land. Man hat urige Gartenmöbel aus unbearbeitetem Holz, schick, aber unbequem, egal, man hat das jetzt. In diese ganzen Landhausaustellung muss man dann auch im Dirndl rumlaufen, oder wenigstens im Landhauslook. Wie schaut das aus, wenn man in knallbunten modernen Klamotten in dieser Landidylle steht. Wenn man dann dort eingeladen ist, muss man im standesgemäßen Outfit erscheinen, rotkarrirtes statt schwarzem Cocktailkleid. Haferlschuhe statt Pumps. Mir wars recht.

Einen Monat später ist Jagdmesse. Da will der Chef hin. Die Chefin schlägt vor, dass ich auch dahin mitgehe. Sie bläut mir ein, dass ich wieder ganz viel Assessors kaufen soll. Munitionstäschen, Hutanstecker, wie Gamsbärte, schicke Jagdmesser, Fotokalender mit Jagdmotiven. Ahhh Geschenkartikel, da kenn ich mich aus, mach ich gerne.

Aufgebrezelt begleite ich den Chef auf die Messe. Er stellt mich all seinen Spezln als seine Assistentin vor, alle blinzeln blöd rum. Die Berufsbezeichnung „ Assistentin “ hatte schon vor Bill Clinton einen komischen Beigeschmack.

Er geht mit seinen Genossen zu den Waffen, ich soll mich um das Beiwerk kümmern. Alle grinsen. Ich schieb los. Ein Eldorado für Geschenkesuchende und Ausschmücker. Jede Frau, die einen Jäger zum Mann hat, muss ihm ein Geschenk für seine Passion bringen. Da komm ich ins Spiel. Krawatten, Schlüsselanhänger, Brieföffner, Kalender, tragbare Ansitzhocker, grüne Unterwäsche mit Hirschgeweihmotiv. Komisch mit Wildschwein gabs keine Unterhosen.

Als ich dem Chef meine Auswahl vorlege, ist er schon mächtig angeschickert, nimmt mich in den Arm und erklärt mir, dass er heute nicht mehr heimfahren kann und ein Hotelzimmer reserviert hat. Na toll, ich hab nix zum wechseln mit, keine Zahnbürste nix. Ich ruf seine Frau an und erkläre ihr die Lage. Ich könnte doch fahren.  Die ist völlig entspannt. Ich soll mir halt was zum Anziehen kaufen. Zahnbürste etc sei ja schließlich im Hotelzimmer. Ich war noch nie in einem Hotel, nur in Pensionen, daher weiß ich das nicht. Also Kauf ich mir eine Jäger-Hose, Jäger-Bluse grüne Socken, Wanderschuhe und Unterwäsche.

Der Chefin hatte ich von meiner Ausbeute erzählt und sie war begeistert.

Stunden später finde ich den Chef, an einen Tresen geklammert, seine Muttersprache verloren, mit glänzenden Augen. Er fällt mir um den Hals, ,,bring mich ins Bett‘‘,  grölt er. Ich hake ihn unter und unter tosendem Beifall und guten Wünschen verlassen wir die Lokalität.

Ich zerre ihn zum Taxi, finde in seiner Jacke die Anschrift vom Hotel. An der Rezeption stelle ich erstens fest, dass das Zimmer schon vor Wochen gebucht war und zweitens, genau DAS Zimmer. Das Hochzeitszimmer mit Himmelbett. Ich frage nach einem zweiten Zimmer. Man schaut mich mitleidig an, es ist Messe. Na gut, der tut sowieso nix mehr, der will noch nicht mal mehr spielen. Was der noch aufreißt ist höchstens die Clotür. Wir erreichen das Zimmer und er wird kuschelbedürftig. Ich schieb ihn zum Bett und sage, ich müsse noch ins Bad. Ich warte eine Weile. Nach ca 3 Minuten vernehme ich regelmäßiges Schnarchen. Ich schieb mir im Zimmer die Sessel zusammen und schlafe mit einem offenen Auge. Das hat ein Nachspiel mein Freund.

Noch bevor der Alte aufwacht, war ich im Bad und umgezogen. Dann bin ich direkt zum Frühstück. So nach und nach tauchen seine Spezln auf und alle haben ein Fragezeichen auf der Stirn. Als mein Chef dann endlich erscheint, sieht er sehr mitgenommen aus, aber alle deuten das auf ihre Art und Weise. Der Chef grinst nur dümmlich.

Auf der Heimfahrt bemängelt er, dass ich Hosen trage, das hätte er ja noch nie gesehen an mir. Das is ja ma ne unhandliche Bekleidung. So ein echter Liebestöter, da geht ja gar nix. Hab ich gut gewählt, ha chacka.

Zu Hause hat die Chefin kein Wort dazu gesagt. Sie war begeistert von meinen Bestellungen. Der Chef hatte nix bestellt, die Vertreter hätten jetzt alle seine Karte und würden vorbeikommen. War da auch Jack Daniels dabei?

Bei uns zu Hause lief es nicht gut. Ich war zu viel im Laden engagiert. Mein Wolfgang war viel mit seinen Kumpels unterwegs. Ich freute mich auf den Urlaub, Gardasee, romantischer Sonnenuntergang, prickelnder Sekt. Das wird wieder. Vielleicht klappt das auch mal mit nem Baby. 

Wir wohnen diesmal in einem kleinen Hotel in Limone. Ich bezahl alles, da er das alles für zu grosskopfert hält, so ein kleiner Wohnwagen hätte es auch getan. Ich will es perfekt haben. Bequem, sauber und weg von seinen Kumpels und dem vielen Bier und Chouchtrainern. 

Wie Sie schon erraten, es klappt nicht. Wir haben uns nichts mehr zu sagen. Er erzählt seine wichtigen Dinge schon seit geraumer Zeit einer Kollegin. Die hat nach Feierabend Zeit für ihn. Im nächsten Urlaub will er auch mal nach Mallorca mit ihr, blöder Gardasee. Das hat mich sehr gekränkt. Dieses Landei, ohne mich wäre der noch nie aus dem Kaff im Taunus rausgekommen.


Wir verkaufen das Haus. Ich nehme mir eine kleine Wohnung um die Ecke. Er zieht zu seiner Tussi. Ein Jahr später sind wir geschieden. Die Scheidung läuft unproblematisch über die Bühne. Wir haben keine Kinder, da ist es einfacher.

Auch die UDSSR ist fertig, pleite. Sie öffnet sich dem Westen, Glasnost.

Die DDR liegt in den letzten Zügen.

Die Scheidung hatte auch was positives. Ich habe fast 10 kg abgenommen und habe mir ein todschickes Dirndl in Größe 36 gekauft. Blassgrün mit rosa Schürze. Ich bin total verliebt in mich. Mein Chef auch. Ich muss höllisch aufpassen, dass er mich nicht alleine im Lager erwischt. Da hat er plötzlich 10 Hände. Ich hab ein Glöckchen am Eingang und an der Tür zum Lager angebracht, da hör ich ihn rechtzeitig. Er ist not amused, aber ich begründe das damit, dass, wenn ich alleine bin, ich immer höre, wenn jemand den Laden betritt. Ha, er hat’s gefressen. 

Ich bin nun vermögend, mit gutem Einkommen, bin Mitte 30 und mir steht alles offen. Als erstes beschließe ich zwei mal im Jahr Urlaub zu machen, natürlich am Gardasee. Da kenn ich mich aus, ist wie zu Hause.

Bei meinem nächsten Aufenthalt dort, ich bin zu ersten Mal alleine im Urlaub, in Limone, in einem Wellnesshotel. Nur alte aufgebrezelte Frauen hier, die den ganzen Tag vom Thalasso, so ein grüner, nach Fisch stinkender Schlamm, in die Kosmetikabteilung wechseln. Bringen tut das nix, nach zwei Wochen sehen die genauso alt aus, wie vorher.  Vielleicht liegt das an dem vielen Wein mit dem sie sich am Abend schöntrinken. Aber diese Frauen sind lustig, nach ein paar Weinchen und aufgeschlossen. Ich erfahre viel über das allgemeine Eheleben. Fast jede hat mit der einen oder anderen Assistentin ihre Erfahrungen gemacht und verschieden reagiert. Eine hat den Beifahrersitz mit schwarzer Schuhcreme eingeschmiert. Das war ein Theater, als die Assistentin mit einem rosa Kostümchen eingestiegen ist. Hätte ich gerne gesehen. Andere haben einfach ihren finanziellen Nutzen aus den Affären gezogen. Sportwagen, Pelzmäntel, überhöhtes Taschengeld. Die Kinder sollten ja nichts erfahren, also hat der Alte brav bezahlt. Die wilden Jahre gehen bei dem meisten nicht ewig. Die Wohlstandskrankheiten schieben da irgendwann einen Riegel vor. Bluthochdruck, Diabetes. Im schlimmsten Fall Herzinfarkt. Dann sind sie wieder brav zu Hause und trinken Tee. Die Frauen machen weiter, wie bisher. Wellnessurlaub am Gardasee oder den Canaren. Entspannende Massagen in Thailand, mit und ohne happy end. Im Winter dann mal nach Kitzbühel. Stewa Reisen bietet alles, von der Haustür bis in die weite Welt. Die Männer passen derweil auf die Möbel und die Blutfettwerte auf.

Ich schaue mich um, nach einem netten kleinen Hotel, für die Zukunft. Ich find eine nette alte Villa in Malchesine. Ruhig, aber trotzdem in der Stadt, zweite Reihe vom See. Ist nicht billig, aber ich kann mir das leisten. Die Leute sind nett, mittlerweile sprechen die hier auch ganz gut deutsch. Die Mutter führt das Hotel mit eiserner Hand und scheucht ihre drei Söhne nur so rum. Papa gibt es keinen mehr. So hat sie die Leitung übernommen, da die Buben das noch nicht können. Die sind alle über 30, zwei sind bereits verheiratet und haben auch Kinder. Auch die Schwiegertöchter arbeiten hier mit. Ein harmonisches Familienunternehmen. Sie unterhalten sich immer sehr lebhaft, man könnte glauben, sie streiten. Ist aber nicht so, sagt man mir. Das ist das Haus für meinen nächsten Urlaub.

Der jüngste, unverheiratete Sohn, bringt mich abends zurück nach Limone in mein Hotel. Wir trinken noch ein Glas Wein und reden, reden, reden. Herrlich, mal reden, ohne den Chef oder Ehemann vor sich zu haben. Freiheit. Kann das Leben schön sein.

Vincenzo bringt mich nach Hause und grabscht mich nicht an. Ein scheues Küsschen,recht, links  und Buena Notte . So ein netter Kerl. In den nächsten, mir noch verbleibenden Tagen, treffen wir uns abends zum Essen und ich lerne die italienische Küche besser kennen. Er hält noch immer anständige Distanz. Was kann ich tun, um den Abstand wesentlich zu verringern . Am letzten Abend geb ich alles. In mein bestes Dirndl geschnürt. Parfüm aufgelegt, volles Programm. Ich nehme auch mal einen zweiten Proceccho VOR dem Essen, das macht mich locker und übermütig. Nach dem Essen bummeln wir noch durch die engen Gassen und er hält mich im Arm, wie schön. Im Hotel angekommen schmuggle ich ihn in mein Zimmer und es passiert. Ganz anders als mit Wolfgang, aber ziemlich gut. Ich komme tatsächlich auch mal auf meine Kosten. Am Morgen als ich aufwache ist er weg. Mit tut alles weh, vom Kopf bis zum Schritt, auahhh. Aber ich glühe als ich seine Zeilen finde, Amore, ich komme Dich bald besuchen. Ti amo.

Noch völlig berauscht steig ich zu Hause aus dem Zug. Selbst die 12 Stunden Zugfahrt haben es nicht geschafft, mir das Grinsen aus dem Gesicht zu rütteln. Meine Chafin holt mich ab, ich habe Kaffee für Sie dabei, das soll ich nicht alleine schleppen müssen . Sie betrachtet mich und fragt, „war was“. Und grinst breit.

Dem Alten ginge es schlecht. Zu viel Schweinskram, was auch immer sie damit meinte, zu viel Alkohol, Zigaretten etc etc. De Dockter hat gesacht er muss uffpasse. Das Geschäft geht schlecht, weil er sich nirgends mehr auf Jagd sehen lässt. Da verkauft man die Waffen. Also wird sie das in Zukunft übernehmen, schließlich hat sie auch den Jagdschein und verträgt auch mehr Alkohol als er. Auch wenn sie jeden zweiten Schnaps unter den Tisch kippt, Sie kann man dann nicht betrunken über den Tisch ziehen, eher umgekehrt. Gute Idee. Von ihr kann man nur lernen.

Das bisserl im Laden rumstehen kann er noch und ich soll ihn unterstützen.

Künftig ist sie an den Wochenenden auf Jagd und unter der Woche bei potenziellen Kunden, um die Waffen im Schiessstand vorzuführen. Tja , potenziell und Waffen bekommen auch hier eine weitere Bedeutung. Auf den ein oder anderen Jagdausflug nimmt sie mich mit. Jäger sind ein eigenes Volk. Auf der einen Seite sehr elitär, wer kann sich schon eine Jagd leisen. Hohe Pacht zahlen und ständig irgendwas bauen. Immer die besten Geländewagen, wir leben schließlich in der Wildnis. Viele PS, viel Hubraum, viel Spritverbrauch. Riesige teure Reifen, Seilwinden um einen Mammut aus dem Wald zu ziehen. Dazu die Kleidung, alles aus Spezialgeschäften, wie Franconia, oder bei uns. Du kannst keine weiße Unterwäsche unter einer Leder- oder Lodenhose tragen. Das riecht das Wild und weg isses . Die Waffen kosten ein Vermögen, den man braucht mehrere. Stutzen, Flinte und Drilling gehören zur Grundausstattung, dazu Messer. Teils um die angeschossene Sau mit der Saufeder abzustechen, ein Messer zum Ausweiden, vom Hirschfänger bis zum Bambifänger. Mit so einer Ausrüstung hätten wir den Krieg gewonnen. Alles vom Feinsten. Dann noch ein Jagdhund, der meistens übel riecht. Übrigens die Jäger auch. Die müssen nach Mann riechen, nicht nach Duschgel, das verscheucht das Wild.

Ich habe mal aus Spaß einem Jäger mit meinem Parfüm besprüht, da war ich unten durch.

Auch die Jagd selbst hat eigene Gesetze. Entweder man geht auf eine Kanzel, einen Hochsitz, hockt da alleine und wartet. Fängt sich Zecken , lässt sich von Schnaken stechen, ist aber mugsmäuschenstill und bewegungslos in Erwartung des kapitalen Wildes. Meistens geht man dann frustriert zum Sonnenaufgang nach Hause, weil nix vorbeikam, außer Joggern, Reitern oder einem liebeshungrigen Pärchen, das eigentlich auch den Hochsitz gebucht hatte. Eine einsame Sache. Hat man aber das Glück und eine Sau oder ein Bock ist zur falschen Zeit am falschen Ort und man schießt das Tier, geht der Stress los. Man gibt dem Tier Zeit zum Sterben, dann kommt ein Eichblatt oder was anderes grünes in das Maul des Tieres. Der letzte Biss. Dann wird das Tier aufgebrochen, d.h. aufgeschnitten um die unverwertbaren Innereien herauszunehmen. Die hat man früher einfach in die Gegend geworfen, die Fuchs sollte das holen. Dann wird der ganze Kram ins Auto geschleppt und flott ein Jagdfreund aufgesucht, mit dem oder denen man dann gemeinsam das Tier todgesoffen hat. Mehrfach wird der Beobachtungs - und Tötungsvorgang erzählt und ausgeschmückt. Ein zeitraubendes und anstrengendes Hobby. Der nächste Morgen ist für die Katz. Das Auto verschlammt und blutverschmiert, möglicherweise auch noch eigener Mageninhalt am Armaturenbrett. Ist es das eigene Revier, hat man wenigstens einen Braten, ist man nur als Jagdhelfer, Jagdgeselle auf Pirsch gewesen, muss man den Braten auch noch abgeben.

Anders die Gesellschaftsjagden, Treibjagden. Man findet sich vor Jagdbeginn schon mal zu einem Frühstück ein. Manchmal schon mit alkoholischen Getränken. Vor Jagdbeginn hält der Jagdherr, Besitzer des Jagdgeländes, eine Rede, Predegt, . Das Wild soll respektvoll gestreckt werden. Also schonend geschossen werden. Respektvoll töten, na Bravo . Die Treiberwehr wird eingeteilt, also die Leute, die das Wild aus der Dickung vor die Gewehre der Jäger treiben. Immer in der Reihe bleiben, das man nicht in die Schusslinie gerät. Alle tragen leuchtende Warnwesten. Wild ist übrigens farbenblind, also was soll das dann mit den ganzen grünen Tarnklamotten. Wie beim Tennis früher, alles weiß, hier alles grün. Ich würde auch mal Jagdbekleidung in fröhlichen Farben anbieten, aber das ist nicht Waidmännisch.

Dann wird angeblasen. Jäger blasen eine bestimmte Melodie ins Jagdhorn und die Hunde jaulen dazu.

Ich wurde einem jungen Treiber zugeteilt, der auf mich achten sollte. Und so kraxelten wir durch das Unterholz, Weissdornbüsche, Brombeeren, Brennnessel. Ab und zu ging die Hektik los. Gebrüll, Achtung Reh oder Hase von drei Uhr nach oben, bumm, da lagst dann. Respektvoll wird es eingesammelt. Die Hunde kläffen die ganze Zeit. Ich bin fix und fertig, verdreckt und verschwitzt. Endlich Mittag. Essen fassen. Deftige Suppe aus der Goulaschkanone und Alkohol. Promillegrenze gilt hier nicht. Ob die jetzt noch respektvoll zielen und treffen, oder einfach drauflosknallen? Im Rausch. Einige Jäger notieren sich das Fehlverhalten der einzelnen Jäger und Treiber. Wie bei der Stasi. Das kommt beim Jagdgericht aufs Tapet.

Am Nachmittag werden Enten gejagt. Da muss man nicht treiben, das machen die Hunde, also, die, die freiwillig ins kalte Wasser gehen. Nicht jeder Edeljagdhund weiß das er dazu gezüchtet wurde. Einige hauen einfach ab und machen was anderes im Wald. Die mutigen Wasserhunde erkennt man später am Geruch. Obwohl andere Hunde auch verschiedene Materialien finden, um sich darin zu wälzen. Die stinken dann auch. 

Enten werden mit Schrot geschossen. Viele kleine Bleikügelchen in einer Patrone, die man in die Enten pumpt, Pumpgun. Das mach Freude dann beim Essen, vor allem den Zahnärzten. Aus diesem Grund will auch fast niemand diese Enten haben. Die werden trotzdem geschossen. Die platschen dann in den Bach und ein guter Apportierhund holt sie bei, oder bleibt mit seiner Beute auf dem Ufer gegenüber liegen und freut sich. Eine sehr laute Angelegenheit. Hunde kläffen, Jäger ballern, andere schreien nach ihren Apportierhunden.

Endlich das Hallalie, Jagd aus. Jäger tröten in ihre Jagdhörner, Hunde jaulen dazu.

Dann gibt es wieder Alkohol und die Strecke wird begutachtet, also alle toten Tiere liegen in einer bestimmten Reihenfolge auf dem Rasen, mit einem Blatt im Maul, das zuvor noch in Blut gestibbt wird, das Schweißblatt. Einfach barbarisch. Wieder Getröte. Reh Tod, Has Tod, Fuchs Tod, Enten auch. Wieder Schnaps. Kapitale Tiere, wie Wildschwein oder Hirsch sind selten dabei, die sind zu clever um sich vor eine Flinte scheuchen zu lassen.

Anschließend ist Kesseltreiben, also Abendessen. Man sitz gemütlich an den Tischen, untendrunter die Stinkhunde. Auch die Menschen riehen etwas strenger. Waidmännisch.

Nach dem Essen ist Jagdgericht. Wer sein Glas mit der rechten Hand gehalten hat, wird bestraft, also die Anfänger, ich auch. Das Strafmaß wird auf einen doppelten Schnaps festgelegt. Runter damit. 

Mit offenem Gewehr rumlaufen, also entsichert, ist auch schuldig. Strafmaß ist ein 10 er Schoppen. Ein 0,5 Bierglas, halb Cola, halb Cognac. Runter damit. Wer seinen Hund nicht im Griff hatte auch Strafmaß. So geht das immer weiter. Manche werde mehrfach bestraft. Die nehmen mit was geht.

Zum Schluss müssen noch die Debütanten ran, also die Jungjäger, die zum ersten Mal dabei sind. Die müssen einen Flintenlauf trinken. Der Flintenlauf wird aufgeklappt, unten mit einem Korken abgedichtet und dann mit Schnaps befüllt. Nicht nur die Menge ist barbarisch, auch der Geschmack, denn ein gutes Gewehr ist immer gut geölt, also trinkt der Debütant das Oel mit. Gut für die Verdauung.

Danach werden sie mit einem Waidblatt geschwartet . Das bedeutet, sie müssen sich mit heruntergelassener Hose auf einen Stuhl knien und werden drei mal mit einem großen Messer auf den blanken Hintern geschlagen. Ein interessantes Brauchtum, aber nicht immer nett anzusehen. Nach einer Treibjagd ist man verschwitzt und die Unterwäsche wirkt angeschmuddelt. 

Durch den reichlichen Alkoholgenuss sind alle glückselig in ihrem Waidhandwerk. Keine Spur mehr elitär, eher volksnah, dummschwätzend, laut und sie lieben sich alle. Ständig bläst einer erneut ins Jagdhorn, schräge Töne, die Hunde jaulen. Was für eine schöne Jagd, ein Hoch auf den Jagdherrn, denn der hat das allen bezahlt und bleibt dann noch auf den bleiverseuchten Enten sitzen. Als das große Umarmen und Singen beginnt, verdrücke ich mich in unsere Pension. Ich bin ziemlich angetrunken und will nicht mehr.

Ich sitze dann noch eine knappe Stunde auf der Treppe vor unserer Pension. Die Chefin hat eine Besprechung mit einem Jungjäger und das dauert, nach dem vielen Alkohol, etwas länger.

Von hier aus beobachte ich zwei junge Männer, die am Geländer des Baches stehen. Einer steht, der andere beugt sich ständig über das Geländer. Ihm ist wohl sehr schlecht. Sag der eine, he, mach jetzt schon, ich will wieder rein. Der Kranke ziert sich noch. Da schnappt der Freund den armen Kerl um die Mitte, komm, ich helf Dir, und drückt zu. Ein riesen Schwall schießt aus seinem Hals. ,,Ausgekotzt’‘. sagt der andere, gehen mer wieder rein. Unfassbar, der hat den ausgedrückt, wie eine Zahnpastatube. Raube Sitten hier.

Es war eine Erfahrung, aber das nächste mal bleib ich zu Hause.

Eine andere Anekdote kursiert hier rund um die Jagd. Bei einer sehr erfolgreichen Jagd im Rheingau-Taunus, es wurden 20 Wildschweine und viele Hirsche geschossen. Die Strecke, also die toten Tiere wurden ausgelegt und mit den Jagdhörnern verblasen. Dann gabs Schüsseltreiben, Jagdgericht. Zur späteren Stunde sollte das Wild dann auf den Transporter und in die Metzgerei, die alles schon gekauft und bezahlt hatte. Das Wild war weg, geklaut. Auf nimmerwiedersehen. Echt peinlich. In dem Gasthaus hängt noch heute ein Foto, ein Beweisfotos, dass es diese große Strecke gab. 


Im Spätherbst steht plötzlich Vincenzo vor der Tür. Ich bin völlig eiskalt erwischt worden und stelle ihn meinem Chef als guten Freund aus Italien vor. Mein Chef, der nicht aufgegeben hat mich zu begrapschen, ist sichtlich erschrocken über dieses Testosteronpaket. Er gibt mir spontan frei. So verbringe ich ein heißes Wochenende mit meinem italo lover.

Am Montag fragt die Chefin, warum der Alte so schlecht drauf ist. Keine Ahnung. Sie war wieder das ganze Wochenende unterwegs. Aber sie mach Umsatz.

An Ostern bin ich wieder am Gardasee. Im Hotel von Mama. Die darf aber nicht wissen, dass ich was mit ihrem Sohn habe. Ein prickelndes Versteckspiel, es macht richtig Spaß.

Vincenzo ist sehr aufmerksam und liebevoll. Da er erst spät aus der Küche kommt, ist er oft sehr müde, da gehen wir nicht so oft aus. Er kommt dann leise in mein Zimmer geschlichen und wir kuscheln die ganze Nacht. Herrlich.

Er achtet aber auch darauf, dass es mir nicht fad wird. Er schickt mich in die Oper von Verona. Da bleibt einem die Luft weg, so schön kann klassische Musik sein. Die Bustouristen sitzen meistens auf den teuren Plätzen. Unten im Parkett sogar rotsamtene Sessel, weiter Ober sind es dann Klappstühle. Ich habe einen Platz auf den aufgeheizten Steinstufen Beim Volk, Popolo. Hier sitzen vorwiegend Italiener, Einheimische. Die erscheinen hier mit vollen Picknickkörben und Wein. Sie sind alle sehr nett und laden mich auch auf ein Gläschen und ein paar Trameccinis, Sandwiches, ein. Eine kippt mit ihr volles Glas Wein von hinten ins Genick, macht nix, is ja noch mehr Wein da.

Als der Kapellmeister die Arena betritt wird es still und alle zünden eine mitgebrachte Kerze an. Gänsehaut. Der Meister begrüßt den ersten Geiger und dann geht es los.

Die Italiener sind seht textsicher und singen alle Arien mit. Jeder ein kleiner. Caruso oder eine Callas. Auf der Bühne ist das Hauptspektakel, um mich herum sind die vielen kleinen Bühnen mit ihren jeweiligen Hauptdarstellern. In der Pause wir dann vor der Arena und auf den Toiletten weiter geprobt. Nach der Oper geht es zum Essen. Rund um die Arena gibt es ein Anzahl Restaurant mit Tischen und Stühlen davor. In jedem dieser Restaurants wird ein großer Tisch für das Ensemble freigehalten. Nach einer gefühlten Ewigkeit erscheinen die Künstler dann und alle erheben sich und klatschen nochmal laut Beifall. Welches Restaurant sie dann tatsächlich wählen, weiß niemand im Voraus. Hat man Glück, Sitz man dann direkt neben Carmen oder Aida samt ihrem Pharao.

So gegen 3 Uhr in der Nach löst sich das ganze dann auf. Die hartgesottene gehen jetzt noch mal tanzen. Ich muss ins Bett.


Es sind oft Busgruppen in der Villa und Vincenso verhandelt mit den Busfahrerern, dass die mich mitnehmen. So lerne ich die Umgebung auch gut kennen. Italien gefällt mir immer besser.

Zurück im Hintertaunus fragt mich mein Chef, ob ich den Itaker noch habe. Was geht das den an. Ich erzähl das der Chefin, die stutzt . Jetzt wisse sie, warum der so scheisse drauf ist, er hat schon von Anfang an ein Auge auf mich geworfen, das wusste sie, auch das mit der Messe und dem Hotel, schließlich mache sie Buchhaltung, hahaha. Sie kennt aber auch seine körperlichen Schwächen und hat sich daher keine ernsten Gedanken gemacht. Ich soll doch bitte weiterhin gute Miene zum Spiel machen und Ihr den Rücken freihalten. Es wäre ja wohl auch in meinem Interesse den Laden zu halten.  Na gut, mach ich.

Ich kann den nächsten Urlaub kaum erwarten.

Am Gardasee gibt es Neuigkeiten. La Mama ist krank und die Kinder bewirtschaften das Hotel in eigener Regie. Diesmal fahr ich mit meinem Auto, da ich über München fahre und mit Chef und Chefin einen Abstecher auf das Oktoberfest mache. 

Oktoberfest ist toll. Alle Menschen in Tracht.  Herausgeputzt, mit allen Assessors. Hütchen, Schirmchen, Kettchen, Täschen, Schuhchen, Strümpfchen. Der Rocksaum ist bei einigen bedenklich hochgerutscht, man kann die Ansätze der halterlosen Strümpfe sehen, Skandal. Wir sind von einem namhaften Trachtenhersteller eingeladen und haben eine Loge im angesagtesten Bierzelt. Viele Prominente sind da, unglaublich. Und ich mittendrin. Die saufen wie die Pferde, ich wusste nicht, dass so viel Flüssigkeit in einen Menschen reingeht. Ich kann das nicht, mir ist schlecht, das Dirndl viel zu eng, alles zu laut, ich kann nicht mehr freundlich sein, wenn mich einer anlangt. Die Cheffin merkts, komm mal mit, ich muss auf die Toilette. Sie schleppt mich raus und fragt, was los ist. Ich sag’s ihr. OK, pass auf, Du kotzt jetzt das ganze Bier raus, dann gehts besser.- Hää. Aber zach zack hat sie mich in eine Kabine gezerrt. Steck Dir den Finger tief in den Hals, Hä? Ich den Finger in den Mund, sie packt mich von hinten und drückt mir den Magen zusammen. Ich denke an die beiden Jäger. Ohhh mein Gott, ein großer Strahl Mageninhalt schießt aus meinem Rachen. Wie ekelhaft. Sie grinst mich an, das ist der Trick Mädel. Ich hab weiche Knie. Sie putzt mir dem Mund ab und schleppt mich an den Tisch zurück. Unterwegs noch ein paar Tipps: schieb dein Glas immer in die Mitte vom Tisch und nehm immer das, wo am wenigsten drin ist. Wenn keiner schaut, kipp das Bier unter den Tisch oder dem Nachbarn ins Glas. Hast Du echt geglaubt ich kann saufen wie ein Pferd. Jetzt bestell ich Schnaps, damit schießen wir die Kerle ab. Kipp deinen Schnaps unter den Tisch. Wenn die dann ferdisch sind, machen wir uns noch einen schönen Abend, und blinzelt mir zu. 

Gesagt, getan. Eine Stunde später liegen sich die Männer selig, gröhlend in den Armen, oder auch schon mal mit dem Kopf auf dem Tisch und die Chefin und ich verschwinden lautlos.  Die Wiesen hat noch mehr zu bieten als Biersaufen. Fahrgeschäfte und andere Vergnügungen. Wir gehen an eine Schießbude. Die Chefin, erstklassige Schützin, räumt den Laden ab. Sie verschenkt Rosen an einige junge Burschen. Der Inhaber ist not amused und verweigert ihr weitere Munition. Wir nehmen unsere Teddybären, Plüschmurmeltiere, Blumen und ziehen mit unserem Fanclub zum Käferzelt. Die jungen Kerle sind zwar auch angetrunken, aber irgendwie nicht so unangenehm, wie die alten Säcke. Sie flirten mit uns und ich hab einen riesen Spaß. Die Chefin und ich sind jetzt per Du. Das Leben mag mich.  Gegen Mitternacht gehen wir schweren Herzens zurück ins Zelt, zum Chef und den anderen. Er liegt einem farbigen Kellner in den Armen und beteuert, er sei kein Rassist. Da schau her, seid wann ? Die anderen Herren schauen uns mit blutunterlaufenen Bassetaugen an, sehen uns aber wohl nicht richtig. Der Blick ist traurig, wie hilfesuchend. Eine Bank ist vollgekotzt. Hier beenden wir für die Herren den Abend und bestellen Taxis. Die Chefin schläft in dieser Nacht bei mir, sie hat keine Lust auf das Schnarchkonzert und all die Geräusche, die ein volltrunkener Mann von sich gibt. Sie ist 10 Jahre jünger als er, sie weiß nicht, wie lange sie das noch aushält. Sie hätte gerne Kinder gehabt, aber er kann wohl nicht zeugen. Seine erste Frau hat von ihm auch keine Kinder, aber vom zweiten Mann. Obwohl sie da schon über 40 war. Ein süßes Mädchen.

Am nächsten Morgen fahre ich weiter zum Gardasee. Als ich oben vom Paso St. Vincente aus den Bergen komme und den See vor mir habe, springt mir das Herz fast aus dem Mieder. Hier will ich sterben. Ein blöder Wunsch, wie sich Jahre später herausstellt.

In der Hotelvilla angekommen, werde ich misstrauisch begrüßt. Vincenso ist einkaufen. Ich bekomme ein kleines Zimmer zur Straße hin. So war das nicht verabredet. Bestellt hatte ich das große Zimmer mit Terrasse, schon wegen dem extra Zugang. Na, warten wir mal ab.

Wie sich herausstellte hat die Mutter dieses Zimmer nun belegt. Das Doppelbett, unser Doppelbett, ist einem Krankenbett gewichen. Sie wird wohl bald sterben. Im Hotel und im Restaurant herrscht chaotische Betriebsamkeit. Es fehlt der Feldwebel, der allen sagt, was gemacht werden muss. Zu allem Übel hat auch noch der Koch gekündigt, ihm war das alles zu unorganisiert und die Bezahlung zu schlecht. Jetzt kocht Vincenco, kauft für die Küche ein und ist völlig überfordert. Ich sehe ihn kaum. Er schleicht sich nachts in mein Zimmer und schläft direkt danach ein. Fast wie bei Verheirateten. Früh muss er raus Frühstück vorbereiten. Dann auf den Markt und in die Fischhalle. Dann vorbereiten, Mittagsmenue kochen,  Abendmenuekarte schreiben.........



Nix läuft rund. Das Hotel ist renovierungsbedürftig, ständig ist irgendetwas kaputt. Der Service entspricht nicht mehr dem gewünschtem Standard. Auch ausländische Gäste schätzen jetzt die gehobene italienische Küche. Von den ehemals vier Sternen sind noch mit zugekniffenen Augen, drei übrig. Wenn die tolle Lage nicht wäre und die treuen Stammgäste, würde hier keiner mehr absteigen. Die Geschwister streiten nur noch.

Ich fahre nach zwei Wochen mit gemischten Gefühlen heim.

Zu Hause erwartet mich die nächste Überraschung. Die Chefin ist ausgezogen. Sie hat die Nase voll. Sie ist nach Tegernsee gezogen und arbeitet in dort in der Filiale eines Münchner Trachtengeschäfts als Geschäftsführerin. Der Alte wünscht ihr die Pest an den Hals. Er hat keine Ahnung von der Buchhaltung, vom Einkauf, er war die vergangenen Jahre nur Chef. Er fragt mich, ob ich das machen könne. Ohhh neee, Mathe war nie meine Stärke. Ich besuche Kurse und lass mir vom Steuerberater helfen. Ich schau immer, wie die Chefin das im vergangenen Jahr gemacht hat und geb mein Bestes. Dabei fallen mir komische Buchungen in die Finger. Zahlungen an Berater, Provisionen für Vermittler, Bewirtungsbelege in schwindelerregender Höhe für Gesellschaftsjagden. Weihnachtsgeschenke an Stammkunden ???? Alles aus der Kasse, also bar bezahlt.

Am Ende des Jahres fragt der Steuerberater, warum ich keine Bewirtungsbelege und Geschenke abgesetzt habe. Fahrtkosten nach München etc. OK, reich ich nach, ich lerne schnell dazu.


Weihnachten kommt Vincenco in den Taunus. La Mama ist Mitte Dezember gestorben. Deshalb haben sie auch Betriebsferien gemacht. Die Handvoll Stammgäste hat Verständnis dafür. Was soll jetzt aus der Villa werden?  Die Brüder wollen verkaufen und mit ihren Familien neu anfangen. Vincenco will das nicht. Er ist ziemlich deprimiert.

Als ich an Ostern am Gardasee ankomme ist viel passiert. La Mama hat in ihrem Testament festgelegt, dass das Erbe durch vier geteilt wird und derjenige , der das Geschäft weiterführt, zwei von diesen 4 Vierteln erhält. Die anderen beiden je ein Viertel. Gut gedacht. Aber schon geht der Krach los. Plötzlich wollen alle das Hotel weiterführen, Familienbesitz, blablabla. Jeder für sich kann das nicht stemmen. Gemeinsam geht es gar nicht mehr. Wie heißt es noch? Redest Du noch mit Deiner Familie, oder hast Du geerbt.

Ich verbringe zwei verregnete Wochen dort, zwischen der zerstrittenen Familie.

Ebenfalls deprimiert komme ich nach Hause. Das Geschäft läuft mehr als schlecht. Auch weil der Landhausstyle nicht mehr gefragt ist.  Der Alte ist bissig und säuft ständig. Ich langweile mich im Laden rum. Wir verkaufen nix, daher brauchen wir auch keine neue Ware. Keine Messebesuche, tote Hose.

Ich ruf die Chefin an und bitte um Rat. Sie sagt, ich soll die Koffer packen und nach Tegernsee kommen. Sie hätte einen Job für mich. Neee , ich kann den Alten und sein sinkendes Schiff nicht im Stich lassen. Sie sagt nur, mach was Du meinst.

Im Herbst am Gardasee werde ich überrascht. Vincenso hat es geschafft. Er ist alleiniger Inhaber des Hotels. Er hat seine Brüder ausbezahlt und mit einem Reiseveranstalter einen Deal gemacht. Die bieten ihm garantierte Zahlungen, auch bei Nichtbelegung. Super. Allerdings muss er total renovieren. Dafür hat er Kredite aufgenommen. Jetzt muss er mal richtig hinklotzen. Vieles will er in Eigenleistung machen, Hilfe von Freunden, Schwarzarbeitern. Kenn ich irgendwie. Ich erzähl ihm von unserem Hausbau und allem. Auch, dass ich einiges Geld angelegt habe, vom Verkauf des gemeinsamen Hauses..........

Im Hintertaunus ist nix besser geworden, weder der Umsatz noch die Laune vom Chef. Oft muss ich Rechnungen, Versicherungsbeiträge, Steuern, aufschieben, weil kein Geld da ist. Wir sind am Ende. Ich hab keine Ahnung wie es weitergehen soll.

Diese Weihnachten bin ich am Gardasee. Die Villa hat sich verändert. Schick ist alles geworden. Jedes Zimmer hat ein kleines Bad. Alles ist neu gestrichen und tapeziert. Der Fliesenboden aufgearbeitet, alles blinkt und blitzt. Ich habe ein paar Vorschläge für die Innendeco, Gardinchen, Teppiche. Er freut sich über mein Interesse und ich darf die Bettwäsche und Handtücher aussuchen. Er ist erstaunt, wie ich mit den Großhändlern verhandele und Nachlässe heraushole. Das kenn ich von den Messen, sag ich ihm.

An Silvester macht er mir einen Heiratsantrag. Er versteckt einen Ring, ein Familienerbstück, im Dessert, wie romantisch.  Ich schwebe.

Zurück im Hintertaunus erwartet mich das Chaos schlechthin. Die Putzfrau kommt nicht mehr, weil sie schon seit Wochen kein Geld mehr bekommen hat. Der Gerichtsvollzieher hat sich angekündigt. Alles kommt unter den Hammer. Ich mache mit dem Insolvensverwalter  zwei Monate lang eine Aufstellung über den Warenbestand. Bezahlt werde ich noch bis Ende März, dann ist Schluss. Der Alte zieht zu seiner Schwester in den Nachbarort, na die wird ihren Spaß haben. Die mochte ihn schon nicht als er noch Geld hatte. Aber auf dem Dorf muss man da über seinen Schatten springen und Verwandte in ihrer Not aufnehmen, „was solle sonst die Leut denke.“

Ich bin jetzt erst mal arbeitslos und fahre an den Gardasee. 

Die Küche wurde auch renoviert und Vincenzo hat einen Koch und eine Küchenhilfe eingestellt. Sind zwar  Marokkaner, egal man sieht es kaum und er kann kochen und ist mit weniger Gehalt zufrieden. Hat auch noch einen Neffen, der hilft mit, wenn es brennt, ist aber illegal hier. Das merkt keiner, ob da einer oder drei Marokkaner in der Küche wuseln. Die wohnen in dem kleinen Gartenhaus hinter dem Gemüsegarten. Duschen und Toiletten sind im Keller für die Angestellten.  Vincenzo hat ein Zimmer unter dem Dach für sich eingerichtet. Sehr klein, aber mit großem Bett. Mehr brauche er nicht. Das Hotel läuft gut. Samstags kommt der Bus, läd die Leute aus. Wir haben vier Doppelzimmer und vier Einzelzimmer. Ich sage schon wir, denn wir wollen bald heiraten. Da es sich überwiegend um alleinreisende Damen handelt, sind wir mit den Einzelzimmern sehr gefragt. Die Damen sind hellauf begeistert von einer deutschen Frau im Dirndl empfangen zu werden. Man spricht deutsch. Steht im Reiseprospekt.

Kurz vor Weihnachten heiraten wir. Jetzt bin ich Anfang 40 und Hotelbesitzerin. Wir heiraten im ganz kleinen Kreis. Nur mit Trauzeugen. Vincenzos Familie ist noch immer angepisst. Meine Eltern halten mich für verrückt, die haben sich eh nie um mich gekümmert, hatten immer nur eigene Probleme. Also lad ich die Chefin ein und Vincenso seinen besten Freund Michele. Durch die Heirat erhalte ich Bleiberecht und Arbeitserlaubnis. Ich löse meine Wohnung im Taunus auf und zieh mit Sack und Pack unter das Dach der Villa. 

Ich bringe mich und meine Fähigkeiten in den Betrieb ein. Es fühlt sich wunderbar an, wenn man weiß, dass man alles für sich macht und nicht für irgendeinen Chef. Es ist unbestritten viel Arbeit, aber wir sind glücklich. Vincenzo ist überall, vor allem im Service und immer für die Gäste ansprechbar. Er ist charmant und flirtet mit den Damen. Wenn die Gäste auf den Tagestouren sind, machen wir die Zimmer sauber. Das ist praktisch wenn man solche Pauschalgäste hat. Die sind von 10h bis Nachmittag auf Besichtigung. Da haben wir genug Zeit, auch mal für uns. Das Restaurant ist nur in der Hauptsaison über Mittag geöffnet. Am Wochenende, wenn Wechsel ist, haben wir noch Hilfe von zwei Mädchen aus dem Ort, die sich was dazuverdienen. Betten neu beziehen, Zimmer klar machen. Die Bettwäsche bringen wir in eine Wäscherei. Das ist praktisch. In der Zwischensaison fahren wir auch mal weg und lerne Venedig von eine ganz anderen Seite kennen. Diese vielen Inselchen, eine mit diesem herrlichen Friedhof, San Michele. Auch die anderen sind zum Teil noch sehr ursprünglich. Die Touristen kennen nur die paar Hauptinseln, die Hotspots. Der Rest ist weithin unbekannt. Eine Insel hat es mir besonders angetan. Winzig, nur ein kleines Restaurant drauf und ein Garten voller Kunstwerke. Die Traghetti, Stassenbahnen, fahren zu dieser Insel, aber nur Eingeweihte steigen hier aus. Der Anlegesteg ist alt und unansehnlich, aber der Garten dahinter ist ein Märchenpark. 


Auch der Lido ist unbeschreiblich schön. Diese Insel hat sogar Straßen. Man kann sein Auto von  Mestre mit der Fähre mit hierher nehmen. Es stehen hier unglaubliche Hotels. Das Westin Grand Hotel ist ein Traum. Die Bediensteten tragen venezianische Rococo Kleidung, verschwenderische Kleider für die Damen. Samtene Hosen und Rüschenhemden für die Herren. Hoteleigene Boote bringen die Gäste von Venedig herüber und gleiten durch einen privaten Kanal zum Anlegesteg, dort erwartet sie ein Mohr, irgendwie rassistisch. Der sieht Original aus wie der berühmte Sarottimohr, mit blau-goldenem Turban und Pluderhosen. Das Hotel ist wie ein Palast eingerichtet, mit Spiegelsaal, Garten, Erkern, Kuppeln  und Dachterrasse mit Zinnen, wie ein hochherrschaftliches Schloss. Die Speisen werden auf sehr teurem Porzellan und Kristall serviert. Am eigenen Strand stehen arabisch anmutende Pavillons, die mit feudalen Möbeln bestückt sind. Ein eigener Bootsanleger bietet alle Möglichkeiten für elitären Wassersport. Der Preis ist auch phantastisch. Eine Nacht kostet so viel, wie eine ganze Woche in unserem kleinen Etablissement. Wir staunen und übernachten in einem anderen Haus.

In unserer Villa läuft es super. Am Anfang des nächsten Jahres bittet der Steuerberater um ein Gespräch. Die Einnahmen decken nicht die hohen Belastungen. Hää. Vincenzo hat alles auf Kredit gebaut. Da das Haus aber nur in den Schönwettermonaten ausgebucht ist, reicht es hinten und vorne nicht. Ob wir denn gar kein Eigenkapital hätten, um umzuschulden. Dann hätten wir die monatlichen Zahlungen reduzieren können. Klar hab ich Geld und er soll das sofort machen, das mit dem Umschulden. Vincenzo strahlt. Gerettet. Ich erzähl das der Chefin, die ist entsetzt. Wie kannst Du Deine Unabhängigkeit so einfach verscherbeln.?.?

Um Kosten zu sparen kaufen wir eine große Industriewaschmaschine und waschen die Wäsche selbst. Dann wird sie draußen aufgehängt, gemangelt und fertig. Das mach ich dann abends, oder zwischendurch, wie ich Zeit finde. 

Wir leben in unserem Alltagstrott. Manchmal vergesse ich, dass ich am See all meiner Sehnsüchte lebe. Kaum noch Freizeit. Wenn keine Gäste da sind, muss renoviert, ausgebessert, ausgetauscht werden. Ich war lange nicht mehr in Verona in der Arena, wovon alle schwärmen und weshalb die zum Teil hier sind. Das habe ich vor Jahren einmal gesehen, muss aber keiner von den Gästen wissen. Manchmal bin ich auch einfach froh mal nix zu tun. Auch mal im Liegestuhl liegen, ein Buch lesen oder abends einfach Fernsehen. Vincenzo ist dann viel unterwegs und schaut was die anderen Hotels und Restaurants so neues bieten. Trentessen, darf man nicht verpassen. In einem Jahr sind es Bruscchetta im nächsten Carpaccio, dann mal irgendein Fisch Tartar. Ruccola ist angesagt. Die Gerichte werden einfacher ursprünglicher, aber teurer. Für unsere Pauschaltouristen bleibt es beim althergebrachten. Leichtes Essen für ältere Leute, kleine Portionen, viel Deco und Klimbim.

Die Jahre ziehen vorbei. Wir sitzen wie auf einem Karusell. Immerwieder die selbe Runde.

Im Sommer arbeiten, im Winter renovieren, reparieren. Mal ausspannen, mal ein kleiner Ausflug.

Ich frag irgendwann mal nach, ob wir im Winter mal Urlaub machen könnten. Vincenzo grinst, klar, wir können in den Taunus, hahaha. Mal umgekehrt. Ich bin not amused.

Ich bin mittlerweile Mitte 50. Die Jahre sind an uns vorbeigerannt. Unsere Ehe schläft. Aber der Laden läuft. Wir können jetzt über Rücklagen nachdenken. 

Dann passiert es. Ein Sommergewitter reißt uns das Dach vom Kopf, mitten in der Saison. Wir sind nicht ausreichend versichert. Es muss alles schnell repariert werden. Die oberen Zimmer sind unbewohnbar. Der stake Regen hat auch die Decken in den unteren Etagen erreich. Die Tapete hängt in Wellen herab. Jeder ausgefallene Tag kostet uns doppelt. Keine Einnahmen und Ausfallentschädigung für den Reiseveranstalter . Und wir fallen 6 Wochen aus. Keine ausreichende Versicherung. Wir sind pleite. 

Den Koch und seine Helfer müssen wir schweren Herzens entlassen. Dafür stellen wir eine Küchenhilfe ein, eine Bulgarin. Sie war mal Sängerin in einer Band. Sie trällert den ganzen Tag, Vincenzo gefällt das.

Die Rezeption und den Service übernehme ich.

Es ist unglaublich viel Arbeit, die nie ein Ende anzeigt. Du bist immer eine Stunde hintendrein. Morgens Frühstück machen, dann die Tische abräumen und für den Mittag zurechtmachen. Manchmal kommen Tagesgäste zum Essen. Vincenzo war in der Zeit auf dem Markt, die Küchenhilfe singt und spült. Dann muss ich die Zimmer machen, Wäsche waschen. Buchhaltung wenn wer innerhalb der Woche ein-oder auscheckt. Mittagessen servieren, smalltalk.....jaja das Wetter, blablabla.  Nachmittags mangeln, Wäsche wegsetzen, später die Gäste wieder empfangen und smalltalk..... war‘s schön? Tolle Fahrt, jaja Verona ist ein Traum...........an den meisten Orten war ich zuletzt als Kind mit meinem Vater. Die vergangenen Jahre war dazu keine Zeit. 

Nachdem ich das Abendessen serviert habe, warte ich dann an der Bar auf meine liebsten Gäste. Pauschaltouristen sind pflegeleicht, aber geizig. Die glauben das sei alles inclusive.

Bei der Halbpension ist Frühstück und Abendessen, inclusive einem Glas Wein. 

Die meisten Sparbrötchen bringen dann ihre Wasserflasche vom Ausflug mit an den Tisch und verdünnen den Wein bis zur Unkenntlichkeit. Danach ab ins Bett, oder auf den Balkon und eine im Supermarkt gekaufte Flasche Wein geköpft. Es gibt aber auch ein paar Schätzchen, die noch einen Espresso und einen Grappa nehmen. Dann auch noch ein Glaserl Wein. Manche sind dann so anhänglich und erzählen und erzählen und erzählen, „aufregende“ Begebenheiten aus ihrem Leben. Mir fallen ab 22 h die Augen zu. Die Küchenhilfe singt nicht mehr, also ist die auch schon im Bett. Vincenzo erscheint kurz, trinkt einen Grappa mit den Gästen, natürlich aufs Haus, mir hams ja, dann ist auch er weg. Ich muss bleiben, bis die letzte Sabbelschnute geht. Gute Nacht Gardasee.

Ich schaffe das genau ein Jahr, dann ist die Batterie leer. Als ich dann noch merke, dass die Küchenhilfe auch noch Vincenzos Assistentin geworden ist und ihn in den Schlaf singt, während ich an der Bar den Seelentröster für die Buspeople gebe. Da ist Feierabend. Ich stelle ihn zur Rede, er weicht aus, jammert, mi amore...........blablabla 

Ich gebe ihm einen Monat, will eine neue Küchenhilfe, männlich und einen Barmann, dass ich auch mal Feierabend habe. Das schaffe er nicht, zu teuer. Das rechnet sich nur in der Saison. Mir egal. Er glaubt jetzt, ich sei zu alt und nicht mehr so belastbar. Dankeschön und adio.


Um ihn nicht gar zu sehr zu blamieren, bleibe ich bis zum Gästewechsel am Samstag. Lass aber schön alle Wäsche im Keller liegen. Soll das junge Huhn mal sehen was belastbar ist.

Zwischenzeitlich hab ich die Chefin angerufen und sie holt mich am Bahnhof in Tegernsee ab.

Sie ist mittlerweile auch wieder verheiratet, mit ihrem Chef, von der Assistentin zur Chefin, ein kurzer Weg übers Bett. Sie ist jetzt wohlhabend, arbeitet nicht mehr und macht im Frühjahr immer eine Vitalkur. Ich soll doch mal mitkommen, sie läd mich ein, nach Oberstauffen. Wir machen eine Kneippkur mit Thalassokur. Das ich das noch erleben darf. Jetzt lieg ich auch in der grünen Pampe, bekomme nix zu essen und meine Depression wächst. Obwohl, Abend gibt es ein Glas sauren Weißwein. Auf leeren Magen wirkt der gut und es wird lustiger. Mit unserem Damenkränzchen rocken wir abends die hoteleigene Bar. Machen Karaoke Wettbewerbe und flirten mit den wenigen männlichen Gästen.

Nach der Kur bin ich zumindest 6 kg los und entdecke die Hängebacken, oben wie unter. Altwerden muss man auch erst lernen. Ich hab Heimweh an den Gardasee. Das Licht die Sonne, die Wärme, die netten Menschen, die essen wenn sie Lust dazu haben. Ich will keinen neuen Mann mehr. Was ich jetzt noch bekommen könnte, muss ich in einigen Jahren pflegen, Purce oder nurce, nein danke.

Die Chefin lässt mich ziehen, sie sei immer für mich da. Leiht mir mal kurz 5000€, ich könne sie zurückzahlen, oder auch nicht, sie sei keine arme Frau.


Ich gehe zurück, aber nach Limone, Miete mir ein Zimmer und schau mich nach Arbeit um. Ich bin noch verheiratet und habe Aufenthalt-und Arbeitserlaubnis 

Beim Fremdenverkehrsamt ist eine Stelle frei. Die Leiterin kennt mich und meine Geschichte, wir hatten manchmal miteinander zu tun, wenn sie freie Zimmer gesucht hat. Da mein Italienisch jetzt auch ganz passabel ist, hab ich den Job. Mit Menschen umgehen kann ich gut. Sie hat auch nichts dagegen, wenn ich im Dirndl zur Arbeit komme, das gefällt den Leuten. Die Amerikaner und Chinesen können sowieso nicht zwischen den europäischen Ländern und den dazugehörigen Trachten unterscheiden. Ich bin wieder obenauf, chacka. Wenn eine Tür zufällt, öffnet sich eine neue.

Ich finde sogar eine kleine, möblierte Dachwohnung, 2 Zimmer, Kochecke , Toilette. Bad kann im Haus mitbenutzt werden. Ich hole meine restlichen Kleider bei Vincenzo ab und stelle mit Freude fest, die kleine Nachtigall singt gar nicht mehr. Keine Luft mehr, sie sieht sehr müde aus. Zu allem Glück ist sie auch noch schwanger.

Ich frage Vincenso nach der Scheidung, aber der hat es gar nicht eilig. Na, mir egal, kommt das Balg unehelich auf die Welt. Das war meine Überlegung, später hab ich geschnallt, dass wir eine Gütergemeinschaft hatten. Mir daher die Hälfte von allem gehört, leider auch die Schulden. Ich gehe, verzichte blöderweise auch auf Unterhalt. Es ist immerhin meine Erste Scheidung von einem Schlitzohr. Mein Wolfgang war damals einfach loyaler, ehrlicher.



Im Touristenbüro lebe ich mich gut ein. Die Arbeit macht Spaß und ich hab geregelte Arbeitszeit, gut bezahlt. Abends auf der Promenade treffe ich oft Leute, denen ich tagsüber weitergeholfen habe, die laden mich dann gerne auf ein Glas Wein oder sogar zum Essen ein. Auch die Kollegen, überwiegend Frauen, sind supernett.

Der Bürgermeister hat etwas in Südtirol gesehen, was er auch haben will. Ein Touristenmuseum. An Regentagen müssen wir mehr Alternativen bieten. Was soll denn das sein? Stellen wir da ausgestopfte Murmeltiere und präparierte Holländer aus? Wir lachen uns kaputt, aber der Bürgermeister meint es ernst. 

Gina und ich fahren nach Südtirol und checken dieses Touristenmuseum. Gar nicht so schlecht. Es wird über die Region informiert, die Bräuche, das Essen, die Geschichte. Einige Touristen erzählen in Briefen und Bildern, was ihnen hier so gut gefällt. Das kopieren wir.

An der Uferpromenade steht ein altes Kaufhaus, zweigeschossige, mit großen Schaufenstern. Das soll es werden. Der Laden ist eh pleite. Die Outletriesen graben jedem kleinen Laden das Wasser ab. Wir recherchieren und holen uns Exponate aus dem Heimatmuseum. Stöbern in Archiven herum und finden auch brauchbare Sachen.

Dann geht es an die Touristen. Aus den alten Zimmernachweisen suchen wir Stammgäste raus. Schreiben die an und fragen nach Fotos und Anekdoten. Vor allem von früher. Eine Lawine der Bereitschaft überflutet uns. Die meisten hoffen natürlich auf eine Einladung. Soweit haben wir nicht gedacht.


Nach gut zwei Jahren Vorbereitung können wir eröffnen. Ich selbst hab mein Dirndl, Größe 36, gestiftet und die netten Erinnerungen in eine Fotoserie gepackt. Mein Dirndl prangt jetzt auf einer schlanken Schaufensterpuppe, direkt neben dem Eingang. Ich bin stolz auf mich.

Außerdem haben wir holländische Holzschuhe, mit lustigen Geschichten aus dem flachen Land. Wir haben sogar britische Teetassen, schottische Röcke, die hier wohl niemand getragen hat. Ein Stück Stein der Berliner Mauer, da die Leute nach der Öffnung als erstes hier hin gefahren sind, mit dem Trabi. Viele ,viele Fotos und tausend Fotos von dem unvergleichlichen Blick, wenn man aus den Bergen kommt und den See in voller Länge vor sich hat. Auch ein paar selbst gemalte in Oel oder Aquarelle. Junge Leute schleppen alte Surfbretter an und erzählen von den gefährlichen Winden, die unberechenbar sind. 

Eingeladen haben wir niemanden, wo will man anfangen, wo ist Schluss?  Aber allen, die etwas brauchbaren beigesteuert haben, haben wir ein Dankschreiben und einen Gutschein über 30€ zugeschickt. Den können die beim nächsten Urlaub einlösen.

Die Eröffnung ist ein rauschendes Fest. Im Museum und davor auf der Promenade. Tische und Stühle aufgebaut, Lampions, Musikanten,  wine and cheese Festival gleich mit aus der Taufe gehoben. Ich bin überall und erzähle und rede mit den Leuten und hab den Spaß meines Lebens. Eine Kollegin erzählt mir später, Vincenzo war auch mal kurz da, der sei alt geworden.  Ich soll froh sein, dass ich den los bin. Ich erinnere mich, ich muss mich um die Scheidung kümmern.


Ich besuche ihn und will nun wissen was los ist. Er will die Scheidung nicht, er will nur mich. Er liebt nur mich. Es tut ihm leid. Schmalz, Schmalz, Schmalz. Die Nachtigall ist bei Nacht und Nebel abgehauen. Schlaues Vögelchen. Ich will aber nicht mehr. Sein Hotel läuft schlecht. Die Kosten laufen ihm weg. Er ist mal wieder am Ende. Nur so, wie der aussieht zieht der keine wohlhabende Frau mehr an Land. 

Ich ruf die Chefin an. Die hat das kommen sehen, aber ich sei ja unbelehrbar gutherzig. Sie kommt bald und wir suchen einen guten Scheidungsanwalt.

Scheidung auf Italienisch ist nicht einfach. Wenn einer der Mitspieler die Ehe nicht beenden will, gibt es ständig Aufschübe, Wartezeiten, es zieht sich wie Gummi, bzw. wie guter Pizzateig.


Nach fünf Jahren habe ich es geschafft. Nun geht es noch um das gemeinsame Vermögen. Das Hotel ist verschuldet bis über beide Ohren. Als ich wegging, war es noch nicht ganz so schlimm. Aber nun soll ich auch dafür haften, d.h. zahlen. Nix da. Ein weiterer juristischer Langzeitprozess nimmt seinen Lauf. Erst nach weiteren 3 Jahren komme ich mit einem blauen Auge, ohne Gewinn oder Verlust aus der Nummer raus. Nur die Anwälte haben dabei gut verdient, es lebe der Vergleich. Ich lad die Chefin ein und wir lassen es richtig krachen. Das beste Restaurant ist uns und danach sitzen wir angetrunken und kichernd, wie die Teenager auf der Piazza. Die Leute aus Limone sehen mich nun in einem neuen Licht. Die Frauen so, die Männer anders.

Ich bewege mich nun aufs Rentenalter zu. Ich muss in Deutschland auch einen Antrag stellen. Zum Glück habe ich alle Unterlagen und es geht reibungslos. Ich gebe meine Kontonummer an und fertig. Mit Behörden hab ich jetzt auch so meine Erfahrung und bin froh, dass Deutschland nicht so kompliziert ist wie Italien. Ich war lange nicht mehr in der Heimat, was ist Heimat? Meine Eltern sind schon viele Jahre tot. Ich war dann immer kurz zur Beerdigung eingereist. Hab den jeweiligen Lebenspartnern versprochen bald mal wieder zu kommen, hat nie geklappt. 

In Italien beantrage ich auch Rente, zumindest für meine Jahre beim Touristenbüro.

Da kommt ganz gut was zusammen und ich hab in den vergangenen Jahren gut sparen können, unter der Matratze, das mein Ehemann nicht dran kommt. Meine Zukunft ist gesichert. Ende des Jahres höre ich auf. Dann wird gelebt. Die Chefin, jetzt verwitwet und steinreich hat mich auf eine Kreuzfahrt eingeladen, Karibik, klingt vielversprechend. Ich bin ja nirgends weiter hingekommen, jetzt geht’s los. Am 02.Januar fliegen wir nach Jamaika Große Welt, ich komme.

Silvester feiern wir im Restaurant Paradiso mit der berühmten Schauderterrasse. Das ist oberhalb des Sees, ca 600m über dem See. Eine Terrasse wie eine Sprungschanze auf den See hinaus gebaut. Schauderhaft. Zum Dinner und zur Party lade ich die Chefin ein und wir haben Spaß und freuen uns auf die Kreuzfahrt.

Um Mitternacht gehen wir raus auf die Plattform und betrachten das Feuerwerk von oben, wieder eine neue Perspektive. Wir machen Fotos von uns und mit Freunden.

Später lehnen, nur noch wir zwei, am Geländer und beteuern uns, das wir schicksalsmäßig zusammengeschweißt wurden, wie Zwillinge. Freunde auf ewig, ohne Zickenkrieg. Frauenpower. Chacka.

Wir sind so übermütig und albern rum. Da will sie, dass ich mich auf das Geländer setzte und winke, wie von der Reling aus. Ich wuchte mich rittlings auf das Geländer und winke wie die Queen. Nochmal und Nochmal, ne nochmal mit Blitz, neee Blitz ist nicht gut. Sie fingert an ihrer Kamera rum, in dieser Zeit schlenker ich kokett mit den Beinen und schwups verlier ich den Hält. Hintenüber stürze ich in die Nacht. 600 m,  viel Zeit das Leben an sich vorbeiziehen zu lassen.  Ich sehe meine Eltern, meine Großeltern, Tante und Onkel, Schulfreunde, Wolfgang, mein erstes Auto, dem Trachtenladen, Vincenzo und dann den Gardasee, da schlag ich auf und dunkel wird’s. Die armen Menschen die der Schlag trifft oder die U-Bahn, die können das gar nicht genießen. Ich denke gut nach. Eigentlich hatte ich ein schönes Leben, war aber noch gar nicht fertig damit, hatte noch viel vor. Blöd jetzt isses vorbei.

Als ich zu mir komme, denk ich, och, war gar nicht so schlimm. Hat gar nicht weh getan. Ich schaue an mir runter. Ich hab ein Dirndl an, aber nicht das von Silvesterabend. Es ist das 36er. Wie das jetzt? Ich schau mich um, ich bin im Touristenmuseum, in meinem Dirdl. Ich will raus, geht nicht, ich bin an dieses Dirndl gebunden, magisch oder so. Was ein Mist.

Nach Tagen, es wir hell und dunkel, hell und wieder dunkel, kommt meine Kollegin und sperrt das Museum auf. Die anderen Kollegen kommen auch und stehen fassungslos vor mir, meinem Dirndl. Sie sind erschüttert, man hat mich noch nicht gefunden, ha wie auch Leute, ich bin hier, hiiier. Aber keiner kann mich sehen, ich kann mich nicht bemerkbar machen. Sie reden mit meinem Dirndl als sei ich da, aber ich begreife, die reden mit einer Reliquie.

Meine letzte Hoffnung, wenn die meine Leiche finden, werde ich erlöst. Nix da, die finden mich, beerdigen mich und ich bin immer noch im Dirdl im Museum.


Liebe Touristen, wenn Sie zum Gardasee kommen, gehen Sie in das Touristenmuseum und erzählen Sie mir was. Mir ist sch….langweilig.


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